Sündenbock
Was für ein Schicksal im frühen 18. Jahrhundert: Der Jude Joseph Süß steigt als Finanzberater zum mächtigen Geheimrat am Hof des Herzogs von Württemberg auf – und wird nach dessen Tod Opfer eines von der Öffentlichkeit begeistert gefeierten Justizmordes. Kein Wunder, dass die historische Figur die Nachwelt zur Auseinandersetzung angeregt hat, vom Märchen-Erzähler Hauff über den Literaten Feuchtwanger und den Nazi-Filmer Harlan bis zum Komponisten Detlev Glanert, dessen 1999 uraufgeführte Oper in Trier nun ihre vierte Produktion erlebte.
Sie zeigt Süß im Gefängnis, kurz vor der Urteilsvollstreckung. Alptraumhaft tauchen Figuren aus seiner Vergangenheit aus, gruppieren sich zu einem Totentanz. Das Bühnenbild von Gerd Hoffmann und Arlette Schwanenberg erlaubt schnelle Wechsel zwischen der Gefängnisszene im «Keller» und dem Blick auf die Karrierestationen von Süß. Der obere Teil der Hebebühne ist mit einem Labyrinth aus hüfthohen Wänden ausgestattet, das sich in eine schiefe Ebene verwandelt, wenn die Verhältnisse umkippen. Die Akteure verlieren buchstäblich den Boden unter den Füßen.
Regisseur Sven Grützmacher, Ballettchef des Hauses, interessiert die Mechanik der Macht(verhältnisse) ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Marek Janowski ist nicht der Typ Dirigent, über den normalerweise Biografien geschrieben werden. Ein gründlicher Kapellmeister und gnadenloser Orchestererzieher ohne besonderes interpretatorisches Profil, so die lange vorherrschende Meinung über den 1939 Geborenen – und tatsächlich bezeichnet sich auch Janowski selbst als musikalischen Spätentwickler. Vor allem die...
Im Vietnam-Krieg stürzt ein amerikanischer Pilot ab. Dreißig Jahre später erwartet seine noch immer trauernde Tochter Amelia ihr erstes Baby. In düsteren Träumen erscheint ihr Ikarus – jener fliegende Junge aus dem griechischen Sagenkreis, der sterben musste, weil er sich der Sonne zu sehr genähert hatte. Über der verstörten Schwangeren schwebt, ihrem Blick...
Anfang März blickte nicht nur die Wagner-Gemeinde gespannt nach Paris. Günter Krämer heißt der wackre Held, der erstmals seit den sechziger Jahren Wagners Weltendrama an der Opéra in Szene setzen sollte. Wirklich überzeugend geriet der Auftakt zur Tetralogie nicht: Eine Herrengesellschaft in Brustpanzern erklomm da ein Stahlgerüst mit Germania-Schriftzug, Alberichs...
