Unterdrückt
Die heilige Jungfrau schweigt. Überlebensgroß, wie ein Mahnmal, thront sie als festlich gekleidete Puppe in der Mitte des leeren weißen, von Bernd Purkrabek sensibel ausgeleuchteten Raums, ein flammend rotes, dornenumkränztes Herz in der Linken, den bedeutsamen Hochzeitsschleier in der Rechten. Neben ihr, im Wasser, liegt eine Nackte, vermutlich entstammt sie dem Reich der Liebesgöttin Venus; sie wird sich im Verlauf der Szene jedoch in eine Vestalin verwandeln.
Und vorn, an der Rampe, steht die Angeklagte, Julia, weißgewandet wie die leinenbetuchten Mauern, die sie umschließen (Bühne: Katrin Connan). Für sie allein hat Gaspare Spontini diese schmerzensreiche, zugleich seraphische Musik geschrieben (die wohl auch Richard Wagner im Ohr hatte, als er Elisabeths Ges-Dur-Gebet im «Tannhäuser» komponierte). Eine Bravourarie, die als arioses Larghetto espressivo in Es-Dur beginnt, im wiegenden Sechsachteltakt und – mit größter Dezenz – bereits im zarten Orchestervorspiel zwei musikalische Figuren exponiert, die Julias grande scène begleiten werden: hier ein in den Streichern geführtes fragendes Sechzehntel-Motiv, dort ein in Achtel gefügter Horn-Ruf (ist’s Licinius, der Geliebte?), der ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Als im Jahr 1876 das «Rheingold» zum ersten Mal in Bayreuth erklang, ließ Richard Wagner das tiefe Es des Beginns von einer Orgel unterstützen. Im Festspielhaus gibt es sie heute nicht mehr, auch in der Partitur ist sie nicht notiert. Wahrscheinlich waren Wagner die Kontrabässe auf den zeitgenössischen Darmsaiten schlicht zu leise, wie er etwa auch die Bratschen...
Der Monolog aller Monologe, er kommt schon kurz nach Beginn – nicht wie bei Shakespeare erst im dritten Akt. Als wollte Brett Dean die größte Herausforderung gleich am Anfang in Angriff nehmen. Ein Befreiungsschlag? Nun ja. Was Hamlet da murmelt, ist allenfalls ein verstümmelter Monolog, mehr lakonische Feststellung als Frage: « ... or not to be». Als müsse er zur...
Warum Schubert die Komposition seines «Lazarus»-Oratoriums abbrach, ist nicht bekannt. Gut möglich, dass ihm der für den dritten Teil des religiösen Dramas vorgesehene hymnische Erlösungston des Librettisten August Hermann Niemeyer die Eingebung verhagelte. Das im Februar 1820 entstandene Werk endet mit einem hochdramatischen Rezitativ und Arienfragment, molto...
