Individualität unerwünscht

Puccini: Turandot Leipzig / Oper

Opernwelt - Logo

In den letzten, pompös-auftrumpfenden, musikalisch aber brüchigen Takten verschwindet er: Calaf, der Prinz aus der Fremde, der Turandot so sehr begehrt, dass er für sie sein Leben aufs Spiel setzt. Verschwindet in der Menge, die soeben noch rabiat seine Verbindung mit Turandot eingefordert hat. Calaf aber traut dem Frieden nicht (ganz wie einst Puccini), und er tut gut daran! Denn in diesem modernen Überwachungsstaat spielt der Einzelne keine Rolle mehr.

Wie Arbeitsbienen werden die Menschen in wabenähnlichen Gebilden gehalten, bewacht von grau gekleideten Wesen, die offenbar mit Elektroschockern für «Ordnung» sorgen. Individualität ist hier ganz und gar nicht erwünscht, sie wird hinter Sonnenbrillen, unter Kapuzen und in schwarzen Einheits-Overalls versteckt. Nur ab und zu spuckt die Menge einen der Ihren förmlich aus, um ihn anschließend ins Blutbad zu zwingen – dann nämlich, wenn Turandot wieder einmal einen Bewerber, der ihre drei Rätsel nicht lösen konnte, von einer Art riesigen Schiffsschraube zermalmen lässt.

Nicht alles in dieser bildstarken Inszenierung von Balázs Kovalik (Bühne: Heike Scheele) ist bis ins Detail nachvollziehbar. Die Konsequenz aber, mit der Kovalik den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Bettina Volksdorf

Weitere Beiträge
Editorial

Altenburg, Ost-Thüringen, Oktober 2016. Kurz vor dem Ende der Kundgebung am Roßplan richtet Frank Schütze, Sprecher des sogenannten «Bürgerforums Altenburger Land», noch einen Appell an «die Freunde» – für den Nachhauseweg, mit Blick auf eine kleine Gruppe lautstark protestierender Gegendemonstranten: «Bitte zertretet kein Geschmeiß.» Eine Stunde lang haben Schütze...

Auf Abwegen

Temple Bar an einem Abend im Oktober. Massen von Menschen schieben sich durch das pittoreske Ausgehviertel von Dublin. Die Luft ist herbstlich kühl, aber angenehm lau, etliche Halloween-Parties locken das Publikum an. Ein gruseliges Schauspiel besonderer Art erwartet all jene Besucher, die zum Project Arts Centre abbiegen, dessen blaugläserne loftartige Architektur...

Fass ohne Boden

Was wäre unsere Kenntnis der französischen Musikgeschichte ohne den Palazzetto Bru Zane? Die Stiftung der Pharma-Milliardärin ist nun auch für die wichtige Berlioz-Briefausgabe eingesprungen. Eine beeindruckende editorische Leistung findet so beim Verlag Actes Sud zum würdigen Abschluss: Zwischen 1972 und 2003 waren in acht Bänden knapp 4000 Briefe publiziert...