Bühnenreif, doch niemand traut sich
Die Bilanz, die der französische Musikwissenschaftler Benoit Dratwicki im Booklet von Hervé Niquets Einspielung der «Proserpine» zieht, ist ernüchternd. Trotz der Begeisterung, die William Christies Produktion des «Atys» 1987 ausgelöst habe, hätten die Opern Jean-Baptiste Lullys bislang noch immer nicht zu breiterer Anerkennung gefunden. Immer noch würden einige der sechzehn Tragédies lyriques, die Lully von 1673 an für den Hof Ludwigs XIV.
schrieb, auf ihre Wiederaufführung warten, eine Etablierung im Repertoire sei jedoch erst die Voraussetzung, um die Qualitäten der einzelnen Werke aus größerem Abstand beurteilen zu können.
Heute ist Lully wohl derjenige unter den großen Komponisten der Barockoper, dessen Werke am seltensten aufgeführt werden – und außerhalb des französischen Sprachraums ohnehin ein absoluter Exot. Obwohl die Barockkompetenz inzwischen auch bei den Theaterorchestern erheblich gewachsen ist, obwohl bei Publikum wie Regisseuren inzwischen ein Bewusstsein für die szenischen Potenziale der mythologisierenden Stoffe vorhanden ist, traut sich niemand an Lully heran – nicht einmal an anerkannte Meisterwerke wie «Atys», «Armide» und «Amadis» – und erst recht nicht an ...
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