Den Abgrund vor Augen
Die Liebe? Sie steckt in einem Blick. Orpheus und Eurydike halten einander mit den Augen fest, während andere Wesen sie umkreisen, umtanzen. Schauen einander an, während sie immer näher zusammenrücken.
Verlust? Da ist das unsichtbare Band aus Schmerz, das gespannt wird, wenn sie am Boden verharren muss und er nach oben entschwindet. In einem Akrobatengeschirr hoch über die Bühne gezogen wird, dabei langsam kippend, den Arm ausgestreckt, nach unten greifend, ohne jede Hoffnung, sie je wieder zu berühren.
Michael Boyds Inszenierung von Monteverdis favola in musica war die erste Kollaboration des Royal Opera House mit dem Roundhouse, einer ehemaligen Lokhalle im Londoner Norden, die heute für experimentelles Theater, zeitgenössische Musik und Rock-Konzerte genutzt wird. Und es war die zweite Zusammenarbeit mit dem Orchester der Early Opera Company. 2014 hübschte Kaspar Holten Cavallis «L’Ormindo» im Sam Wanamaker Playhouse auf und versah das Stück mit einer Prise Punk (man denke sich Venedig, gezeichnet von Vivienne Westwood). Boyd – man kennt ihn von seinen Arbeiten für die Royal Shakespeare Company – bezog Monteverdis «Orfeo» auf die religiösen Dispute innerhalb der Römischen Kirche ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Anna Picard
Sie sind schon da, als die Pauke und drei Dissonanzen den Reigen folgenschwerer Missverständnisse eröffnen. Rogoschin, der Dandy. Nastassja, die Umschwärmte. Lebedjew, der Strippenzieher. Und die anderen traurigen Gestalten, die in einem schäbigen Salon fröstelnd darauf warten, dass endlich was passiert. Dass jemand eintritt und die Starre löst, die auf den...
Iphigénie ist von Alpträumen gepeinigt: Die berühmte Gewitterszene am Beginn von Glucks Oper ist nicht zuletzt Allegorie für die Last ihrer blutigen Familiengeschichte. In Lukas Hemlebs Deutung zeigt der Frauenchor, der Iphigénies Auftritt im Wüten der Elemente begleitet, eine irritierende Nähe zu Erinnyen: Alle Choristinnen sind schwarz gewandet, ihre Gesichter...
Vor sechs Jahren sang Philippe Jaroussky auf dem Album «Opium» erstmals französische Lieder der Belle Époque (siehe OW 5/2009). Im Sinne einer Mentalitätsgeschichte der Klänge ließe sich auch rechtfertigen, dass ein Countertenor dieses Repertoire pflegt, gerade jetzt, da Jaroussky zwei neue CDs mit Liedern nach Paul Verlaine aufgenommen hat. Als 1869 durch die...
