Editorial Januar 2020
Am schönsten klingt das Wort im Italienischen: «Coraggio!», das ist wie eine leidenschaftliche Aufforderung zum Tanz, zum sinnlich befreiten Vergnügen. Vergleichsweise distinguiert gibt sich dagegen das englische «courage»; eine Spur eleganter erscheint das französische Pendant in der gleichen Schreibweise.
Während den Gelehrten aller Nationen, platonisch überwölbt, der lateinische Begriff («sapere audere») überlassen bleibt, müssen sich die Anhänger der deutschen Sprache mit der knackigsten, allerdings auch unpoetischsten aller Übersetzungen begnügen: «Mut», das duftet im Grunde nach nichts (obwohl Schuberts gleichnamiges Lied aus der «Winterreise» dies sehr wohl tut), das ist eher wie der stattliche Imperativ aus dem Munde eines preußischen Junkers. All das spielt letztlich aber nur eine untergeordnete Rolle. Denn um den Inhalt hinter dem Begriff geht es. Um die Fähigkeit, mutig zu sein in der Kunst, das Andere zu wagen, das Außergewöhnliche zu versuchen, das Ungesehene und Unerhörte zugänglich zu machen. Und gerade was Letzteres angeht, haben sich die Opernhäuser zwischen Wien und Paris, Schwetzingen und Koblenz, Bergamo und Weimar einiges einfallen lassen in der jüngsten ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Dass in dem Wort Qualle die Qual enthalten ist, wäre eine kalauernde Erklärung, warum während des Finales im dritten «Figaro-Akt eine gewaltige Medusa mit Tentakeln sich wie ein fahler Mond am Horizont erhebt. Klar, eine Metapher, trotzdem unschön anzusehen, wie die seelische Qual, die sich hier das Hauptpersonal gegenseitig bereitet. Für Programmheftleser...
Benjamin Bernheim ist der Tenor der Stunde. Eine Aufführung von Verdis «Otello» bei den Salzburger Osterfestspielen 2019 war für mich die erste Begegnung mit dem französischen Sänger. Ein Cassio wie er hätte Otello auch ohne die Intrigen Jagos eifersüchtig werden lassen. Ein Jahr später entzückte er im Pariser Théâtre des Champs-Élysées in einer Aufführung von...
Schon in wilhelminischer Zeit, lange vor der sogenannten sexuellen Revolution der 1960er-Jahre, gab es Bestrebungen, die prüde Leibfeindlichkeit der katholischen Kirche durch Propagierung einer neuen Freikörperkultur zu überwinden. Auch die 1916 bis 1924 entstandene und 1926 in Warschau erstmals vorgestellte Oper «Król Roger» von Karol Szymanowski kreist um diese...
