Expedition ins Ungewisse
Ganz schön verbiestert, halsstarrig schauen sie aus den gebügelten Oberhemden, Strickwesten und Hauskitteln: die knorrigen Ländler, die sich da in einem schwer renovierungsbedürftigen, mit klobigen Holzschränken und Biertischen möblierten, von einer stockfleckigen Decke überwölbten Saal versammeln. Als ob sie aus der Monotonie ihrer kargen Existenz in den Schweizer Bergen nie mehr herausfinden würden.
Dabei steht ein wenig Abwechslung ins Haus, die Hochzeit der verwaisten Müllerstochter Amina mit Elvino, der dank seines Vermögens begehrtesten Partie am Fuße der Jungfrau (wo die Geschichte laut Libretto spielt). Und doch hat jedes einzelne Mitglied dieses Kollektivs eigene Statur, eine unverwechselbare Aura. Da gibt es den sonderlichen Schlacks, der alle um einen Kopf überragt, immer wieder Löcher in die Luft starrt. Die frustrierte Mittfünfzigerin, die jede Aufhellung ihres Angetrauten mit finsteren Blicken erstickt. Den verklemmten Zwangsneurotiker, dem alles, was die geregelte Ruhigstellung des Lebens gefährdet, Angstschweiß auf die Stirn treibt. Ein hintergründig schillerndes Soziotop tut sich auf, wenn an der Deutschen Oper Berlin der Vorhang aufgeht zu Vincenzo Bellinis seit ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Albrecht Thiemann
Portugiesische Oper – das ist eine noch relativ junge Geschichte. Zwar wurden bereits im 18. Jahrhundert an den Höfen Portugals zahlreiche neue Stücke komponiert und aufgeführt, doch blieben diese Werke in der Regel italienischen Mustern verhaftet. Noch im 19. Jahrhundert war es beinahe aussichtslos, ein Libretto in der Landessprache durchzusetzen. Und selbst nach...
Herr Baumgarten, inszenieren Sie anders, seit Sie Professor sind?
Ja. Der intuitive Bereich, in dem man sich beim Inszenieren bewegt, wird einer rationalen Überprüfung unterzogen. Es ist so, als ob man über das Gehen noch mal nachdenkt. Dazu kommt, dass man durch die Studierenden permanent mit neuen Ideen, Texten und Konzepten konfrontiert wird, die in meiner...
Ist Leoš Janáček ein spätromantischer Schwärmer in Verkleidung oder ein Modernist, der die Regungen seiner Protagonisten bei lebendigem Leibe seziert? Klingt sein Orchester schwelgerisch oder analytisch scharf? Einfache Antwort: beides. Aber das Einfache ist schwer zu erreichen. In Mainz gelingt es. Das Philharmonische Staatsorchester bietet den Glanz der...
