Milieustudie
Das Thema der diesjährigen Uraufführung an der English National Opera: der Urvater aller Serienmörder, «Jack the Ripper». So lautet der Titel des neuen London-Stücks von Iain Bell (nach «A Harlot’s Progress», siehe OW 12/2013). Gewiss, die Morde spielen eine Rolle, werden in den Erläuterungen eines Pathologen reflektiert. Doch als Figur taucht der Täter nicht auf. Vielmehr präsentiert sich das Ripper-Phänomen als perverser Auswuchs eines kaum zu steigernden Elends: das Leben in den Slums des Londoner East End im späten 19. Jahrhundert.
In der Oper hausen Martha Tabram, Polly Nichols, Annie Chapman, Liz Stride, Catherine Eddowes und Mary Kelly – die (mutmaßlichen) Ripper-Opfer – in einer Kaschemme. Wer in den sargartigen Verschlägen unterkommt, kann immerhin noch ein paar Pennies für einen Schlafplatz aufbringen, ist noch nicht ganz auf Armenhaus-Niveau gesunken. Aber die Pennies wollen verdient sein. Familienbeziehungen illustrieren den Teufelskreis: Schon Marys Großmutter Maud sah sich zur Prostitution gezwungen; da sie nichts anderes kennt, verdingt sie sich als Zuhälterin, wird selbst zum Rädchen im Getriebe der Ausbeutungsmaschinerie. Ohne Weiteres wäre sie bereit, Marys kleine ...
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Opernwelt Juni 2019
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Wiebke Roloff Halsey
Wer die Oper liebt, kennt auch die Geschichte vom Berg und dem Mäuslein. Es ist nämlich ein Maximum an Kraft und Können nötig, um das perfekte Nichts zu produzieren. Diese Erfahrung gehört zu den vielen Paradoxa des «unmöglichen Kunstwerks», die der Kritiker Oscar Bie 1913 in seiner legendären Analyse dieser Gattung nur vergessen hatte zu erwähnen.
Ende April war...
60. Jahrgang, Nr 6
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Drei Anläufe unternahm Beethoven, ehe er mit seiner einzigen Oper «Fidelio» ans Ziel kam. Aber er war nicht der Erste, der Jean-Nicolas Bouillys angeblich auf eine wahre Begebenheit zurückgehendes Libretto «Léonore, ou l’Amour conjugal» bearbeitete. Das Sujet vereint mit dem Kampf gegen willkürliche Tyrannei und dem siegreichen Triumph der Liebe archetypische...
