Die Technik führt Regie
Ursprünglich nannte Walter Braunfels seine Oper «Die heilige Johanna». Und das Libretto basiert auch nicht, wie meist angegeben, auf den Prozessakten, die er gar nicht lesen konnte, sondern auf George Bernard Shaws gleichnamigem Erfolgsstück. Es ist eine klassische Literaturoper mit Einsprengseln aus Shakespeare, Schiller und dem Urteil der historischen Jungfrau von 1431. Warum Braunfels seine Quelle verschwieg, darüber lässt sich nur spekulieren.
Lag es an rechtlichen Gründen? Lag es daran, dass der Ire, der Hitler und sein Regime mehrfach verteidigte, ein Lieblingsautor der Nazis, besonders Goebbels’ war? War es Braunfels, der auch Hans Pfitzner unerschütterlich die Treue hielt, peinlich, dass Shaws «Heilige Johanna» gerade im Zweiten Weltkrieg als Anti-England-Propaganda über viele deutsche Bühnen ging, um den Kampfgeist zu stärken? Lag es daran, dass er seine Oper als Shaw-Korrektur konzipierte?
Was bei den «Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna» heute überwältigt, ist der Umstand, dass sie neben dem Shaw’schen Witz – gackernden Hühnern, die keine Eier mehr legen wollen; ein Panoptikum ausrastender Politiker-Karikaturen; ein larmoyanter Dauphin, der an Identitätsproblemen ...
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