Rausch der Verwandlung
Die Szene kennen wir, sie zählt zu den entrücktesten des Stücks. «Tannhäuser», dritter Akt, wenige Minuten nach dem Entrée, das Lento. Ein Engel fleht um Aufnahme in den himmlischen Kreis, «mit halber Stimme», in hauchdünnem pianissimo und jenem silbrig schimmernden Ges-Dur, das Richard Wagner mit Bedacht für Elisabeths Gebet wählte, um ihrem Ansinnen den nötigen feierlichen Ausdruck zu verleihen. Was hat sie zuvor auch gelitten. Erst verlassen, dann betrogen und gedemütigt, nun der letzten leisen Hoffnung beraubt, den abtrünnigen Geliebten rettend in die Arme zu schließen.
Entsprechend desillusioniert hockt sie da im verwaisten Ballettsaal, die in apartes Dunkelblau gewandete Svetlana Aksenova, und produziert, vom Nederlands Philharmonisch Orkest unter Marc Albrecht wie auf weinenden Wolken getragen, einen schaurig-schönen Ton nach dem anderen. So weit, so tragisch.
Doch etwas ist anders als sonst in Christof Loys exzeptioneller Amsterdamer Inszenierung. Nicht nur Wolfram, der stets treue, unglücklich Liebende, hat sich, um den Schmerz zu lindern, eingefunden, seit einer Weile wandelt wankend noch eine weitere Trostsuchende über die riesige, zahnlose Bühne von Johannes Leiacker, ...
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Opernwelt Juni 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichte die amerikanische Musikjournalistin Heidi Waleson ein bemerkenswertes Buch über den Niedergang der New York City Opera. Schon der Titel springt ins Auge: «Mad Scenes and Exit Arias» (Henry Holt, New York 2018; 290 Seiten, ca. 28 Euro). Er trifft ziemlich genau den Tenor der tragischen, aber leider auch bezeichnenden...
Wenn in der Ouvertüre zum ersten Mal der von drei dumpfen Paukenschlägen untermalte verminderte c-Moll-Septakkord erklingt, huscht über den noch geschlossenen Vorhang der schwarze Schatten eines Flugobjekts, das man nicht erwartet – eine Drohne. In Jossi Wielers Straßburger Inszenierung, einer Koproduktion mit La Monnaie in Brüssel und dem Staatstheater Nürnberg,...
Eine Donizetti-Uraufführung! Bei gut 70 Opern – kommt es da auf eine mehr oder weniger an? Ja, denn «L’Ange de Nisida» erweist sich als ein Geniestreich. Aber ist diese Partitur nicht in «La favorite» aufgegangen, die Ende 1840 an der großen Oper in Paris herauskam? So glaubte man zu wissen. Gewiss, die Grundzüge der Handlung sind identisch. Doch nur knapp die...
