Versunkene Paradiese, freche Pointenparade
Selten wurde so viel Aufhebens um ein unartiges Kind gemacht: Für ihre konzertante Aufführung von Ravels dreiviertelstündigem Meisterwerk «L’Enfant et les Sortilèges» versammelten die Berliner Philharmoniker im November 2008 eine Sängerriege, mit der man eine ganze Serie von Galaabenden hätte bestreiten können. Auf dem Podium scharten sich Stars wie José Van Dam, Annick Massis, Nathalie Stutzmann und natürlich Rattle-Gattin Magdalena Kozená – da durfte man durchaus auf eine neue Interpretation mit Referenzcharakter hoffen.
Dass der jetzt von der EMI veröffentlichte Mitschnitt zwar eine gute, aber keine außergewöhnliche Aufnahme ist, liegt jedoch gerade an den Stars, die zwar Stilbewusstsein, aber nicht in jedem Fall die optimalen Stimmen mitbringen. François Le Roux produziert als Großvateruhr viel heiße Luft, Annick Massis ist als Feuer etwas tantenhaft, und das komische Talent von Nathalie Stutzmanns China-Tasse hält sich in Grenzen (als Mutter ist sie allerdings besser). Der Star der Aufnahme ist ohnehin das Orchester: Die Berliner spielen Ravels Partitur ganz auf Raffinesse hin und entfalten, etwa in der Märchenbuch-Episode, die duftige Aura ihres lichten, schwerelosen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Bei den großen Sängern der jüngeren Vergangenheit sind zwei Typen zu unterscheiden: die historischen und die zeitlosen. Lisa della Casa, die vor einigen Monaten ihren 90. Geburtstag feierte, gehört zu der zweiten Kategorie. Hört man sich ihre Aufnahmen an, so ist man immer wieder überrascht von der Frische ihrer Stimme und der Gegenwärtigkeit ihrer...
Seine Miene konnte mürrisch sein, sein Ausdruck melancholisch. Ein düsterer Charakter? Im Gegenteil. «Heiter, umgänglich, vergnügt und von Natur aus buffonesk». So beschreibt Giuseppe Carpani Joseph Haydn. Carpani, Zeitgenosse des Komponisten, Literat und Musikinfizierter, hat mit Haydn vierhändig gespielt und nach dessen Tod einen Band mit fiktiven Briefen...
Manchmal sind Inhaltsangaben im Programmheft unverzichtbar. Wie im Fall des Freiburger «Simon Boccanegra». Und manchmal stiften sie nur Verwirrung. Wie im Fall des Freiburger «Simon Boccanegra». Beides ist auf die Inszenierung von Marcus Lobbes zurückzuführen, der mit seiner Variante von Kagels «Der mündliche Verrat» zum Freiburger Spielzeitauftakt die Rituale des...
