Entrückt, zeitverloren
Der Captain kratzt sich. Nervös zieht er die Finger den Arm entlang, schabt die Nägel über den Nacken. Das Publikum soll verstehen: Hier will einer aus seiner Haut. Machthunger quält ihn. König Arthur liegt im Sterben, und Königin Ginevra kann das Vakuum nicht füllen – ihre Tage verbringt sie, mit dem Schicksal hadernd, im Bett.
Ein sieches Reich entwirft die österreichische Schriftstellerin Gerhild Steinbuch in ihrem Libretto für Wolfgang Mitterers neue Oper «Marta», die jetzt in Lille uraufgeführt wurde. Es liegt ein Fluch über dem Land.
Der gesamte Nachwuchs ist einem Gemetzel zum Opfer gefallen, das an Herodes’ Kindsmord von Bethlehem erinnert. Einzig Marta konnte entkommen – dank ihrer Mutter, der Königin. Sie versteckte das Kind allerdings nicht, sondern stellte es, verzaubert in eine Puppe, in einem schwarzen Kubus aus. Seither wird Marta vom Volk als Hoffnungsträgerin verehrt.
Dies ist nur eine der gezwungenen Wendungen des Plots, die auch durch die Klassifizierung als «modernes Märchen» nicht unbedingt schlüssiger werden. Mehrere Rückblenden enthüllen das mysteriöse Beziehungsgeflecht der Protagonisten, ein Netz aus Schuld, Schweigen, Machtgier und Traumata. Der Vater von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Mathias Nofze
Die Idee zu einem Album mit Arien, die Georg Friedrich Händel für seine Londoner Primadonna Francesca Cuzzoni komponierte, ist nicht neu. Lisa Saffer und Nicholas McGegan waren 1991 wohl die Ersten, die eine solche Ariensammlung vorlegten, 2009 folgte Simone Kermes, begleitet von der Lautten Compagney unter Wolfgang Katschner. Jetzt begibt sich die...
Anfang des Jahres gab’s an der Londoner English National Opera ausnahmsweise was zu feiern. 85 Jahre zuvor hatte Lilian Baylis die Kompanie ins Leben gerufen. Ihr Traum: im Sadler’s Wells Theater einem breiten Publikum die Welt der Oper spannend nahe zu bringen. Doch die Jubiläumsfeierlichkeiten im Januar waren ganz auf die Elite zugeschnitten. Zum Auftakt...
Es gibt, wie man weiß, die unterschiedlichsten Seufzer. Jene leichten, sehnsuchtsvollen, die «Schlittschuh auf nächtlichem Eis» laufen, wie Christian Morgenstern dies suggeriert. Jene anderen, tief befriedigenden. Und dann auch jene, die sich der Brust schwer entringen, weil sie einen Einschnitt bedeuten, eine Wende im Leben. Ottavia nimmt in Monteverdis...
