Die Taube überm Abgrund
Warum, um Gottes willen, die «Taubenpost» als harmlos-versöhnlicher Schluss nach der «Stadt», diesem traumatischen Bild verlorener Liebe, und dem grausigen «Doppelgänger»? War denn jenem Verleger, der aus Franz Schuberts Liedern nach Gedichten Rellstabs und Heines den Zyklus «Schwanengesang» zusammenstellte und diesem am Schluss eben die «Taubenpost» eines gewissen Johann Gabriel Seidl aufklebte, nicht mehr zu helfen? In seinen Liederabenden mit diesem Zyklus hat Ian Bostridge das Lied denn auch weggelassen – um es dann doch als Zugabe zu bringen, mit genau jener schwarzen Grundie
rung, welche die vermeintliche Idylle entlarvt: Diese Brieftaube wird nie ans Ziel gelangen, weil sie bloß als Wunschvorstellung in der Fantasie des Sängers existiert. Eine historisch völlig korrekte Interpretation, denn das Biedermeier der Gemütlichkeit gab es bloß als Nostalgie – für die Zeitgenossen damals war das Leben alles andere als idyllisch.
In diesem Sinne interpretiert Bostridge das Lied auch auf seiner Recital-CD (EMI Classics), hier natürlich nicht als Zugabe, sondern als ironischen Abschluss einer dunklen Seelenreise, die nach dem Beginn mit dem rauschenden Bächlein, lieblich und hell, das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Einzig mit den 66 Takten aus seiner Oper «Una cosa rara», die sein Kollege Mozart ins Finale des «Don Giovanni» eingearbeitet hat, konnte sich der spanische Komponist Vicente Martín y Soler (1754-1806) dauerhaft in der Musikgeschichte festschreiben, während sein übriges Werk, das mehr als 60 Opern umfasst, lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Dabei hatte...
Ein bisschen Süffisanz war schon dabei, als der steirische Landeshauptmann Franz Voves vom Grazer «Dreimäderlhaus der Kultur» kalauerte. Fakt ist, dass mit Elisabeth Sobotkas Amtsantritt als Intendantin der Oper Graz nun drei Frauen an der Spitze wichtiger Grazer Kulturinstitutionen stehen: neben ihr Anna Badora als Schauspiel-Intendantin und Veronika Kaup-Hasler...
Der «Ring» am Landestheater Detmold ist geschlossen. Intendant und Regisseur Kay Metzger sowie Generalmusikdirektor Erich Wächter haben das Wagnis auf sich genommen und mit der «Götterdämmerung» jetzt einen klaren Sieg davongetragen. Vor allem dem Ensemble und dem Orchester des Landestheaters ist eine für ein Haus dieser Größe höchst beachtliche Leistung gelungen.
K...
