Mit den Ohren sehen
Aus tiefster Not schreit diese Stimme. Zweifelnd, zornig, zagend. Halt findet sie an einem einzigen Ton. Allein, am Boden. In schutzlosem Trotz ruft sie den Himmel um Hilfe an, doch Gott schweigt und seine Heerscharen bleiben stumm. Keine Posaunen, kein Laut von oben. Nur diese eine Stimme ist zu hören und dieser eine Ton. Dann zischeln Flöten, atmen schwer. Eine Cellosaite wird scharf angerissen, bebt wie die unerhörten Klagen der verstoßenen Kreatur. Noch stockt der Dialog zwischen Instrument und singendem Ich, aber bald entsteht ein Zwiegespräch von beklemmender Intensität.
Als das Dunkel undurchdringlich, endgültig scheint, leuchtet eine Trompete in die Worte des hadernden Tenors, stützt dessen fassungslose Rede mit zartem Hauch, später, ungedämpft, mit kraftvollen Fanfaren. Dazwischen immer wieder Stille, lange Pausen – und die Atemgeräusche der Flöten. Schließlich antwortet der Allmächtige doch, schickt einen Sopran-Engel, der von der Schöpfung erzählt und ihrem Ziel, dem Ende der Nacht. Da hört man zum ersten Mal alle Stimmen, die Thomas Daniel Schlee für seine 2007 uraufgeführte Kirchenoper «Ich, Hiob» gesetzt hat – Hiob, den Engel und die fünf Musiker. Von fern klingt ...
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Francis Poulencs 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper über die Hinrichtung der sechzehn Karmelitinnen von Compiègne während der Französischen Revolution erlebt gegenwärtig an deutschen Bühnen eine erstaunliche Renaissance. Poulenc verknüpft das historische Geschehen mit der von Gertrud von Le Fort hinzuerfundenen Geschichte der jungen Blanche de la Force,...
Zum letzten Mal getroffen habe ich Joachim Herz am 2. Oktober dieses Jahres: Anlässlich eines Symposions über Kurt Weill in Dresden hielt er einen Vortrag über seine interpretatorischen Prinzipien und szenischen Lösungsstrategien, speziell im Hinblick auf Brecht-Weills «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny». Die Inszenierung 1977 war sicher eine seiner besten...
Was tut ein Opernregisseur, wenn er Richard Wagners «Götterdämmerung» einem Theater als Einzelstück versprochen hat und danach unerwartet den gesamten «Ring des Nibelungen» angeboten bekommt? Auf das Einzelstück verzichten, auf den Zyklus verzichten oder gleich alles liefern? Der Australier Barrie Kosky, dem das Neinsagen offenbar schwer fällt, hat sich für die...
