Mehr als ein Event
Naumburgs Hauptdarsteller ist seit jeher der romanische Dom. Dem liebevoll renovierten, aber nur selten besuchten Nietzsche-Haus bleibt nur eine Nebenrolle. Der Philosoph verbrachte dort die Jugendzeit und dann sieben Wahnsinnsjahre in mütterlicher Obhut. Er komponierte auch; gleichwohl mochte Hans von Bülow seinen Werken nur «den Wert eines Verbrechens» zuerkennen – andernfalls könnte die Stadt mit ihrem ungeliebten Sohn wenigstens in musikalischer Hinsicht punkten. So aber bleibt es bei der kirchlichen Dominanz, die jetzt sogar noch übermächtiger wird.
Der Dechant hatte eine Opernaufführung im altehrwürdigen Dom angeregt, Naumburgs Theaterintendant Stefan Neugebauer realisierte sie. Die Wahl fiel auf Händels dramatisches Oratorium «Susanna», das sinnliche Sündigkeit bietet, ohne Tugend und Glaubensdemut zu vernachlässigen. Es fußt auf einer Geschichte aus dem Buche Daniel, die unter dem Titel «Susanna im Bade» in die Bildende Kunst Eingang fand: Zwei Lustgreise, ausgestattet mit richterlicher Autorität, beobachten und bedrängen die badende Schönheit, deren Gatte auf Reisen ist. Nachdem alle Annäherungen und ein Vergewaltigungsversuch misslingen, beschuldigen sie die ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Volker Tarnow
Die Inszenierung? Nun ja, umstritten war sie. Wild, hemmungslos, chaotisch (OW 11/2018). So, als habe Jan Lauwers sich von Monteverdis frühbarocker Üppigkeit in «L’ incoronazione di Poppea» inspirieren lassen zu einer schwindelerregenden danse erotique, in dem die menschlichen Leidenschaften ganz und gar unplatonisch waberten und alle Vernunft über Bord gekippt...
Der Komponist fehlte. Auch der Regisseur war nicht vor Ort, als an der Opéra national du Rhin nach der Premiere von «4.48 Psychosis» der Applaus losbrach. In atemlose Stille – als helfe das Klatschen dabei, ins Diesseits zurückzufinden nach dem vergeblichen, von Schreien, Flüstern und pochendem Schweigen perforierten Kampf gegen die Übermacht der Depression, den...
Alfredo Casella (1883-1947) war ein Hauptvertreter der so genannten «generazione dell’ottanta», die sich radikal von der spätromantischen Wagner-Nachfolge wie vom italienischen Verismo abwandte und die Zukunft der Musik in der Rückbesinnung auf die alten Formen, in einem bewussten Klassizismus sah. Im Musiktheater bedeutete das eine Abkehr von mythologischen und...
