Stockholm im Divenfieber

Der schwedische Komponist Jonas S. Bohlin hat für die Kungliga Operan ein genderpolitisch turbulentes Stück über einen Stummfilmstar geschrieben, Nina Stemme wird dort als vierte Trägerin des Birgit Nilsson Preises gefeiert

Opernwelt - Logo

Im frisch renovierten Nationalmuseum von Stockholm kann man der Konstruktion nationaler Identität nachgehen: Wie Wikingerfolklore Keramik für die Pariser Weltausstellung 1889 inspirierte, einfach weil sich das Ausland etwas mit Wiedererkennungswert wünschte. Oder wie Anders Zorn seinen «Mittsommertanz» von 1897, jenen Inbegriff schwedischer Volksnatur, aufwendig inszenierte. Neben dem Gemälde steht eine Vitrine voll roter Holzpferdchen, wie sie Touristen gern mit nach Hause nehmen – in Scheiben geschnitten und eingeschweißt wie Supermarktgemüse.

Ein paar Blocks weiter, an der Oper, läuft ein neues Stück aus schwedischer Feder. Warum er für sein erstes abendfüllendes Musiktheater ausgerechnet diesen Stoff gewählt habe, fragen wir den Komponisten vor der Vorstellung von «Tristessa». «Die #MeToo-Bewegung macht das Thema hochaktuell», meint Jonas S. Bohlin, der Thomas Adès und John Adams bewundert und keineswegs auf einen spezifisch skandinavischen Klang zielt.

Bohlin hat sich Angela Carters feministischen Roman «The Passion of New Eve» (1977) vorgenommen. Macho Evelyn zwingt Freundin Leila zur Abtreibung. Zur Strafe wird er einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und mit dem eigenen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Wiebke Roloff Halsey

Weitere Beiträge
Was kommt... Dezember 2018

Mark Padmore
Seine Vielseitigkeit ist Legende. Wer den britischen Tenor in der vergangenen Saison als Artist in residence bei den Berliner Philharmonikern erlebte, konnte sich davon überzeugen. Padmore beeindruckte sowohl als Oratoriensänger bei Haydn und Schumann als auch mit Interpretationen zeitgenössischer Liedzyklen. Vom Lied kommt er, zum Lied zieht es ihn...

Flüchtige Reize

Mit Wagner könne man ihn jagen, verkündete noch vor Jahren der Regisseur Dietrich W. Hilsdorf. Als ihm aber, etliche Verdi- und Operetten-Inszenierungen später, vom Rheinoper-Intendanten Christoph Meyer der «Ring»  angeboten wurde, hatte die Jagd ein Ende. Hilsdorf grub sich tief in die Wagner-Materie ein. Nach der Premiere der «Götterdämmerung» am Düsseldorfer...

Gerettet

Dalibor ist gleich Florestan, Milada gleich Leonore, Wladislaw gleich Pizarro, Beneš gleich Rocco: Das Spiel geht – abgesehen von kleineren inhaltlichen Details – fast auf. Weniger mit einem Bedřich Smetana auf Plagiatstrip hat das zu tun, sondern mit dem Genre an sich. Rettungsopern bildeten ab Ende des 18. Jahrhunderts ein eigenes Biotop, behaupten kann sich bis...