Auferstanden aus Ruinen

Zürich| Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

Opernwelt - Logo

Sah man’s je? Da sitzen Veit Pogner und Hans Sachs beim anfänglichen Gemeindechoral in der ersten Reihe, lehnt Eva nervös an einem Gerüst, auf dem Stolzing sich verbirgt. Zweimal während des frommen Gesangs kann Sachs es nicht lassen und blickt, quasi über die Schulter, zu Eva herüber, als ahne er nichts Gutes. Auf der anderen Seite späht David nach seiner Lene und umgekehrt. Bei der Kollekte steckt Pogner einen Schein in den Klingelbeutel, Sachs eine Münze. In den ersten paar Minuten dieser Zürcher «Meistersinger» klären sich die Voraussetzungen des Spiels.

Wie der Regiesenior Harry Kupfer das bewerkstelligt, beinahe nebenbei, ganz ohne Wink mit dem Zaunpfahl – sah man’s wirklich je?

Oder diese Winzigkeit: Da versetzt der Lehrbub, nachdem er sein Johannes-Verslein vorgetragen hat, seinem Meister einen beinahe kumpelhaften Klaps – und erschrickt selbst dabei. Da, merkt man ihm an, ist er denn doch zu weit gegangen. Sachs freilich nimmt’s gelassen. Dies vielleicht noch: Wie Eva, begeistert von Stolzings Preishymnus, aufspringt, ihm entgegenläuft und der blamierte Beckmesser sich am Rande wegdrückt, total geknickt. Diese und viele andere, fast versteckte Momente sind Indizien, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2012
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Heinz W. Koch

Weitere Beiträge
Gewalt und Groteske

Die «Deutsche Seele» ist zurück! – als Revival, als Reflexion in Buch und Bild, als Sehnsucht nach Wald und Flur, Nestwärme und Dämonie. Was hat der Franzose Dominique Horwitz damit zu schaffen, der schon den Teufel im Hamburger Freischütz-Musical «The Black Rider» gespielt hat? Was kümmern den Spanier Calixto Bieito die Obsessionen in der ersten deutschen...

Absagen, Zusagen und ein Abschied

Eine eher lakonische Mitteilung fand sich im Januar auf der Homepage des Theaters an der Wien: «Aufgrund von nicht überbrückbaren Auffassungsunterschieden über die künstlerische Gestaltung und Umsetzung des Programms ab 2015 haben die Bregenzer Festspiele und Intendant Roland Geyer die Zusammenarbeit einvernehmlich gelöst.»

Dem Vernehmen nach hatte Geyer vor,...

Nostalgie, nein danke!

Herr Kosky, Sie werden an der Komischen Oper künftig viel Operette präsentieren. Das klingt nach Nostalgie mit hippem Anstrich...

Ich werde weder nostalgische Gefühle bedienen noch den Geist des guten, alten Metropol-Theaters in neuen Outfits beschwören. Ich will vielmehr an eine vertriebene, weitgehend verdrängte und fast vergessene Tradition erinnern, die zur...