Fahr zur Hölle, Liebling!
Was für ein verrückter Abend! Unbotmäßig und aberwitzig ist er, irritierend, inspirierend, intrikat, frech, voller Fantasie, Furor und Finesse. Kurz: ein Abend wie ein Rausch, der vorüberfliegt. Oder auch wie die Reise durch eine Matrix, aus der es definitiv kein Entrinnen gibt.
Gespielt, getanzt (und gerannt) wird Mozarts «Don Giovanni». Aber dieser Gefühlsvergifter hat seinen Adelstitel eingebüßt: «Giovanni.
Eine Passion» nennt sich die Produktion an der kleinen Neuköllner Oper zu Berlin, in Szene gesetzt von Ulrike Schwab, musikalisch einstudiert von Juri de Marco und Anna-Sophie Brüning, mit Sängern und Instrumentalisten, die aber weit mehr sind. Sie sind die Protagonisten einer dekonstruktivistischen, theatralisch überwältigenden Übung in menschlicher Leidenschaft und in menschlichem Leiden.
Passion meint ja beides. Leiden und Leidenschaft, je nachdem. Ulrike Schwab, die Gesangssolisten und die rund 20 Musiker des STEGREIF.orchesters vermählen beide Begriffe. Immer wohnt die Leidenschaft im Leiden, das Leiden in der Leidenschaft. Beides ist nicht voneinander zu trennen. Wie auch das Leben nicht vom Tod zu trennen ist. Das Eine bedingt das Andere. Und das von Anfang an.
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Die präpotenten römischen Besatzer tragen Brustpanzer aus Plastik. Vittoria Yeo, Oberpriesterin der naturverbunden matriarchalischen Gallier, darf als Norma zu ihrer Signet-Arie «Casta Diva» eine Mondsichel in Händen halten. Die in edlen Tableaux erstarrten Damen und Herren des überwältigend eloquenten Chores behaupten die Ursprünglichkeit ihrer den Eroberern...
Nach gut einer Stunde wird das erste Schwefelhölzchen gezündet, und auf einmal ist alles anders. Warmes Licht fällt auf die Szene, die sonst wie vor Kälte erstarrt, und auf der Bühne des Zürcher Opernhauses wird es lebendig. Als wäre das «kleine, arme Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen» einen «Ritsch» lang eine Heilige, so wird es von einer Schar auf...
Ein Kriegsschauplatz irgendwo im Mittleren Osten: westliche Einsatztruppen im Gefecht mit muslimischen Guerilla-Kämpfern. Bilder, wie man sie – allerdings ohne die pseudo-ethnischen Balletteinlagen der Choreografin Rebecca Howell – weidlich aus der Berichterstattung internationaler TV-Nachrichtensender kennt. An der Mailänder Scala tauschen diplomatische Gesandte...
