Verbrannte Gefühle
Der Kalauer scheint unvermeidlich: Der Mann ärgert sich schwarz. Aber er würde, auch wenn die Aussage im Kern sogar ihr Richtiges hat, auf eine falsche Fährte führen und Eva-Maria Höckmayrs Freiburger «Otello»-Inszenierung banalisieren. Die reicht tiefer. Richtig ist, dass Otello, dem Luis Chapa mächtige tenorale Statur von hoher Durchschlagskraft verleiht, die Partie als Weißer beginnt und bis zum Mord immer schwärzer wird.
Richtig ist aber auch, dass er sich nach dem Verbrechen, nachdem er die Wahrheit erfahren hat, die Schwärze verzweifelt aus dem Gesicht reibt: Schwarz als Metapher für unheilbare Eifersucht, als Ausdruck verbrannter Gefühle. Eva-Maria Höckmayr, Trägerin des Götz-Friedrich-Opernregiepreises 2010, macht aus Boitos und Verdis Shake-
speare-Adaption einen rabenschwarzen Psychokrimi, der tief in die Seelenwelt der Akteure vordringt. Jago (mit geradezu dämonisch baritonaler Wucht: Juan Orozco), der Nihilist, der Menschenverachter, reißt von den übergroßen Wänden des kreuzförmigen, labyrinth-
artigen Gebäudes auf Nina von Essens eindrucksvoll gestalteter Bühne die weißen Tücher (der Unschuld?) und entdeckt in mannigfachen Spiegelungen nichts außer sich selbst – «La ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Alexander Dick
Francis Poulencs Oper «Dialogues des Carmélites», die 1957 bei ihrer Erstaufführung in Köln von der Kritik verständnislos aufgenommen wurde, macht gegenwärtig die Runde an deutschsprachigen Bühnen. Mit dem gebührenden historischen Abstand nimmt man endlich auch hierzulande wahr, dass es sich um ein musikalisches Meisterwerk handelt. Nur vordergründig geht es um das...
Monsieur Dorny, Sie sind 2003 nach Lyon gekommen. Haben Sie erreicht, was Sie sich damals für dieses Opernhaus vorgenommen hatten?
Ein gutes Stück davon habe ich schon geschafft, denke ich. Lyon war in den achtziger und neunziger Jahren mit Chefdirigenten wie John Eliot Gardiner und Kent Nagano ein Haus mit großer Ausstrahlung über die Grenzen Frankreichs hinaus. Es...
Die neue Intendantin der Semper-Oper, Ulrike Hessler, ist drauf und dran, die Hörgewohnheiten ihres Publikums neu zu modellieren: Noch nie ist in Dresden Monteverdis spätes Meisterwerk «L’incoronazione di Poppea» produziert worden – am Ende der Aufführung schien das traditionssüchtige Opernpublikum Dresdens Wagner & Strauss völlig vergessen zu haben, es huldigte...
