Erinnerung und Erneuerung

Das Genre Kirchenoper beim «Carinthischen Sommer» in Ossiach/Villach

Opernwelt - Logo

Ich bin ein frommer Mensch. Ich komme von der Kirchenmusik», sagt Thomas Daniel Schlee und schaut zum wolkenverhangenen Kärntner Himmel auf, als die ersten dicken Tropfen fallen. Sollte der Herrgott da oben etwa schon wieder die Schleusen öffnen? Einmal mehr sintflutartige Niederschläge schicken, die den Ossiacher See fast zum Überlaufen brachten – und das mitten im Juli? Das Wetter war ihm in diesem Jahr wahrlich nicht hold, dem Intendanten des Carinthischen Sommers. Aber was soll’s.

Ein Mann wie Schlee verschwendet seine Energien nicht an Dinge, auf die der Mensch ohnehin keinen Einfluss hat. Ein bisschen Demut vor der Schöpfung, vor den Rhyth­men der Natur hält den Kopf frei für das Wesentliche. Zum Beispiel für die spirituelle Dimension der Musik, für jene hypnotische, unbegreifliche Qualität des Klanglichen, die uns mitunter trifft wie ein Blitz.
Vielleicht rührt diese scheinbar naive, ehrfürchtige, kindlich-neugierige Haltung von der Begegnung mit Olivier Messiaen, bei dem Schlee Komposition und Orgel studierte, als dieser gerade an seiner monumentalen Opernhymne zu Ehren des «Saint François d’Assise» arbeitete. Dieser siebte Sinn für das Ein­fache im Komplexen, für das Klare ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 48
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Hartes Zigeunerleben

Keinen Zweifel lassen der kanadische Dirigent Yves Abel und Stephen Medcalf, in vielen Inszenierungen ein Meister der psychologisch raffinierten Aussparung, an der Brutalität der Novelle Mérimées, die von Bizet keineswegs in jenen süßlichen Kitsch pseudospanischer Folklore übersetzt wurde, wie eine lange (schlechte) Tradition es gern sieht. Bizet komponiert Szenen...

Wagner und mehr

Eine Mikrofonstimme hatte James King, der in diesem Jahr achtzig Jahre alt wurde, nie. Wer live erlebt hat, wie er etwa die große Szene des Kaisers in Strauss‘ «Frau ohne Schatten» aufbaute und steigern konnte – und zwar steigern im Sinne einer immer intersiver sich im Raum ausbreitenden, unforcierten Klangfülle –, der weiß, dass ein Mikrofon dergleichen nie...

Gefühlsstau in der Warteschleife

Bevor Daniel Barenboim ihn gefragt habe, ob er sich vorstellen könne, in Bayreuth «Tristan und Isolde» zu inszenieren, verriet Heiner Müller vor zwölf Jahren in einem Gespräch mit dieser Zeitschrift (siehe OW 9/93), sei Patrice Chéreau für den Job vorgesehen gewesen. Der jedoch habe abgelehnt: «Tris­tan» könne man nicht inszenieren, das sei «ein Hörspiel». In der...