Schmonzette ohne Fluchtwege
Ein riesiger schwarzer Fächer spreizt sich oberhalb des Strandbads, winkt mit Spanien-Romantik – das Einheitsbühnenbild für den zweiten Jahrgang der Berliner Seefestspiele, für die sich Filmemacher Volker Schlöndorff an «Carmen» versuchte. Schlöndorff enttäuschte 2005 an der Deutschen Oper Berlin mit Janáceks «Totenhaus», nun erweist sich seine «Carmen»-Inszenierung als Klischee-Parade auf Souvenirshop-Niveau. Carmen mit langem dunklen Haar, Kreolen, schwarzer Spitze und kampfbereitem Dekolleté. José ein schwächlicher Soldat, Escamillo ein Macho.
An Oberflächeneffekten herrscht kein Mangel: Die Massenszenen werden von Tanz- und Akrobatikeinlagen gestört, spielende Kinder bedienen den Niedlichkeitsfaktor. Einmal fährt ein Wohnwagen vorbei, die Insassen winken ins Publikum. Für eine Prise Politik sorgen die Schmuggler, die nach Luft ringende Flüchtlinge aus einem Container entlassen. Dazu jede Menge Kunstnebel. Man addiere Julius Hopps hoffnungslos biedere deutsche Erstübersetzung der Gesangstexte, und schon wird aus Bizets raffiniert-erotischer Oper eine Schmonzette ohne Fluchtwege.
Für Unterhaltung sorgen eher Vorfälle im Publikum. In der Premierenpause schaffen es die VIPs nicht, ...
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Opernwelt November 2012
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Wiebke Roloff
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