Sehen und gesehen werden
Die einen wollen nichts sehen – gründen gar eine ganze Familienkultur darauf. Am deutlichsten wird das im vierten Akt, als Arkel die schöne Mélisande ganz und gar ungroßväterlich auf den Mund küsst, als wollte er ihr die Jugendfrische aus dem Leib saugen: «Hast du Angst vor meinen greisen Lippen?» Da legen die Umstehenden, wie so oft in Stefan Herheims Debussy-Inszenierung, rasch die Hände vor die Augen.
Und die anderen? Die sehen, was sie wollen. So spaziert Yniold mit einem Skizzenblock umher, malt Pelléas mit dem Pinsel in die Luft.
Fantasie ermöglicht ihnen (jedenfalls eine Zeit lang) das Überleben. Auch Mélisande hat entsprechendes Talent, das zeigt sich gleich nach ihrer Ankunft, als sie und Pelléas maritime Gemälde betrachten, sich die «Hoé»-Rufe der Matrosen vorstellen, den aufziehenden Sturm. Die Quellszene: reiches inneres Erleben. Beschreibend schaffen sich die beiden Parallelorte, fliehen, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen.
Golaud hat dazu nicht das Zeug. Was Yniold ihm am Schluss des dritten Akts vor leeren Staffeleien über Pelléas und Mélisande mitteilen will, entzieht sich ihm, da hilft kein Nachbohren. Es macht ihn rasend, derart ausgeschlossen zu sein von ...
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Opernwelt August 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Wiebke Roloff
Schlag nach bei Shakespeare: «Better once than never, for never too late.» Dies sagt freilich nicht Othello, sondern Petruchio in «The Taming of the Shrew». Doch das Zitat zielt hier ohnehin nicht aufs Stück, sondern auf mögliche Überlegungen von Jonas Kaufmann, dem Debütanten in der Titelpartie von Verdis «Otello» in dieser Produktion an Covent Garden.
Einmal...
Er debütierte als Tamino in Zauberflöte; er verkörperte wichtige Rollen im Bettelstudent, Orfeo (Monteverdi), Die Meister-Sänger von Nürnberg, Gärtnerin aus Liebe, Antigone, Der Revisor, Così fan tutte, Entführung aus dem Serail, Der Wildschütz, Barbier von Siviglia, Alcina, Die schweigsame Frau und Oedipus der Tyrann. Er tritt regelmäßig an den Staatstheatern in...
Wir befinden uns im Jahr 2018 nach Christus. Fast alle erfolgreichen Opern des 20. Jahrhunderts wurden ausgegraben und aufgeführt, selbst die mittelmäßig erfolgreichen. Ein unbeugsames Werk aber schlummerte bis dato unberührt in den Archiven. Doch nun, nach einer konzertanten Aufführung kürzlich in Berlin, hat die Oper Bonn Hermann Wolfgang von Waltershausens...
