Verkanntes Meisterwerk
Boitos «Mefistofele» hat in der Geschichte der Schallplatte eine Rolle gespielt, die in keinem Verhältnis steht zu der vergleichsweise bescheidenen Verbreitung des Werkes auf der Bühne. Kaum ein Tenor des italienischen Fachs hat es in den letzten hundert Jahren versäumt, sich mit den beiden Arien des Faust zu verewigen, kein lirico-spinto-Sopran hat Margheritas Kerkerarie «L'altra notte in fondo al mare» ausgelassen. Für Enrico Caruso und Beniamino Gigli war «Dai Campi, dai prati» sogar der Einstieg in die Schallplatten-Karriere.
Etwa ein Dutzend Aufnahmen der Oper, die bei der Uraufführung an der Mailänder Scala 1868 ausgepfiffen wurde, sieben Jahre später in gekürzter Form in Bologna aber einen Triumph erlebte, sind bereits auf CD veröffentlicht worden. Dabei sind einige Piraten-Mitschnitte noch gar nicht mitgerechnet. Doch eine in jeder Hinsicht befriedigende Interpretation ist nicht darunter. Das liegt vor allem an der Komplexität des Werkes: Traditionelle italienische Kantilene verbindet sich mit einer Orchesterbehandlung à la Berlioz und einem hochkarätigen Text, der dem Original Goethes so nahe wie nur irgend möglich kommt. Dirigentische Routine genügt da ebenso wenig wie ...
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Das Saallicht erlischt, ein Schwarzweißfilm blitzt auf: Eine junge Sängerin mit getürmtem Haar und dramatischem Make-up wirft sich mit Verve in die Schlussszene der Imogene aus Bellinis «Il pirata». Das Basler Publikum ist entzückt: Das muss sie sein, die junge Caballé. Vor fünfzig Jahren debütierte die Katalanin an dem Schweizer Theater, das ihr jetzt ein...
Noch stehen ein paar Bauzäune um Santiago Calatravas «Palau des les Arts Reina Sofía» in Valencia. An Maschengittern hängen große Plakate, darauf ein Mädel im Biedermeier-Kostüm, energisch die Arme ausbreitend: «Shhhh ... comienza la ópera». Also doch. Vor einem Jahr, bei der «offiziellen Eröffnung» mit einem Galakonzert, konnte bloß ein kurzer Blick in jene...
«Ein großer Schauspieler gewinnt gerade dank der Schminke, der Perücke oder der künstlichen Nase sein eigenes Gesicht», meinte Stanislaw Jerzy Lec. Das ist das eine. Das andere ist das private Gefühl, das einen Interpreten plötzlich überrascht. Vesselina Kasarova passierte dies zum Beispiel bei einer Vorstellung von Bellinis «I Capuleti e i Montecchi» in Paris,...
