Entblösst, nicht entzaubert
Was ist so grauenhaft an diesem Zusammenleben? Die Mitbewohnerinnen wieder mal schwer übernächtigt. Die Schwester im Batikkleid als Supervernünftige. Und Mama, gut, die greift gern zu Hochprozentigem, auch zu Amuletten und anderem Krimskrams aus dem Eso-Arsenal. Das Trauma, an dem Elektra leidet – und das sie immer wieder forttreibt aus dem unbarmherzig hellen Gemeinschaftsraum in ihr mit Vergangenheitsmüll angefülltes Zimmer –, dieses Trauma erklärt sich erst am Ende. Wenn der Vater im Feldgrau aus dem Weltkrieg heimkehrt, begleitet von Iphigenie und dem kleinen Orest.
Und gefeiert von einer Blasmusik samt bedirndltem und trachtenbehostem Volk.
Ein Veteran, offenbar braun belastet, trifft da wieder auf seine irritierte Familie. Eine Rückblende? Eine ins Alptraumhafte verzerrte Imagination der Titelheldin? So ganz deutlich wird das nicht. Das Grundkonzept schon: Vergangenheitsbewältigung à la 68er ringt Regisseur Lorenzo Fioroni mit seinem detailverliebten Ausstatterduo Paul Zoller (Bühne) und Annette Braun (Kostüme) Strauss’ «Elektra» am Theater Augsburg ab. Während sich die Mitglieder der Kommune ins Hippie-Dasein flüchten, brennt Elektra für die Aufarbeitung und wird zur ...
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Opernwelt Mai 2013
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Markus Thiel
Mit neunzehn hat man noch Träume. Der Student Ruggero Leoncavallo, der bei Giosuè Carducci in Bologna Vorlesungen über die italienische Renaissance hörte und fast zeitgleich dem verehrten Richard Wagner in der Oper begegnete, träumte von einer nationalen Trilogie mit dem programmatischen Titel «Crepusculum» nach dem Vorbild des «Ring des Nibelungen». Ein Jahrzehnt...
Als «Geheimnis der Contemporaneität» hat Hugo von Hofmannsthal einmal seine Beziehung zu Stefan George bezeichnet. Eberhard Straub zitiert die Bemerkung zu Beginn seiner Doppelbiographie von Wagner und Verdi, den beiden ungleichen, wenn auch im selben Jahr 1813 geborenen Opern-Antipoden. Leider ist er dem anspruchsvollen Vorhaben in seinem holprigen Galopp durch...
Die Perspektive ist ungewohnt. Meist wird es den Sängerinnen und Sängern angelastet, wenn sie mit Wagners Partien nicht zurechtkommen. Otto Iro argumentiert umgekehrt: Wo liegen Wagners Irrtümer bei der Gestaltung seiner Rollen? Wo fordert er Dinge, die jeder Physis und jeder gesangstechnischen Logik widersprechen? Otto Iro (1890–1971) stammte aus dem Sudetenland,...
