Verwelkte Blumen

«Otello»-Doppel: Kirill Petrenko dirigiert Verdis Spätwerk in München mit beseeltem Furor, Amelie Niermeyers Regie gibt sich verrätselt; Antonino Fogliani rauscht in Duisburg wie ein Irrwisch durch die Partitur, Michael Thalheimers Dämonenschau besitzt auch mit neuem Personal Gedankenschärfe

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Es ist angerichtet. Der arielgleiche Sturm hat sich verflüchtigt, das lästig-lärmende Volk ist nach Hause gegangen, der bestirnte Himmel funkelt hell, und aus dem Graben steigt, mild-versonnen, legato e dolcissimo, con espressione, eine dominantisch geformte Kantilene des Solo-Cellos empor, auf deren Flügeln alle Liebenden dieser Welt Platz hätten.

Das ist der Augenblick, in dem die lang anhaltenden Entbehrungen ein Ende haben müssten; es ist jene magische Heureka-Sekunde, in welcher Otello und Desdemona eigentlich nur noch von einem einzigen Wunsch durchflutet sein dürften: O sink hernieder, Nacht der Liebe!

Doch, ach, nichts dergleichen geschieht: Pustekuchen. Wie zwei gealterte Backfische, die sich nach Jahren zufällig wiedersehen, stehen Jonas Kaufmann und Anja Harteros auf der riesigen Bühne der Bayerischen Staatsoper einander gegenüber: sich verlegen um die eigene Achse drehend, ganz und gar unfähig, den anderen zu verschlingen. Nur die zarte Andeutung einer Umarmung will ihnen gelingen, auch der glückseligmachende Kuss («un bacio!») ist wenig mehr als ein verhuscht-profanes Busserl. Leidenschaft sieht anders aus.

Oder sie ist pulverisiert, existiert nur noch in der ...

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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten

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