Wisst ihr überhaupt, was Theater ist?
Tapsig sucht Hermann, ein Bär von einem Mann, sich dem Ballett mit ein paar Tanzschritten anzubiedern. Klar, dass das schiefgeht und der Sonderling von der hasenohrigen Petersburger Gesellschaft mit beißendem Spott übergossen wird.
Da dreht er durch: «Ihr seid wohl verrückt geworden, mit eurem ganzen Scheißgeld so eine bescheuerte Musik zu machen: ‹Die standhafte Schäferin›! Die musste Tschaikowsky doch nur komponieren, weil der Petersburger Intendant ihn dazu gezwungen hat, damit die Petersburger Opernärsche ihr Tableau bekamen! Wisst ihr überhaupt, was Theater ist?»
So bricht Peter Konwitschny in seiner Grazer Inszenierung von Tschaikowskys «Pique Dame» das Schäferspiel im dritten Bild, stülpt es um zur Publikumsbeschimpfung. Der hier eigentlich schimpft, ist nicht Hermann in Gestalt des russischen Tenors Avgust Amonov (den man darin ohnehin kaum versteht), sondern Konwitschny selbst. Um deutlich zu machen, dass diese Attacke nicht nur gegen die St. Petersburger Gesellschaft gerichtet ist, sondern auch gegen die Grazer Opern-Aficionados, wird das gesungene Russisch mit der deutschen Umgangssprache vertauscht; überdies gehen im Zuschauerraum die Lichter an. Es ist einer der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Gerhard Persché
Felix Mendelssohn Bartholdy war Schüler des Liedmeisters Carl Friedrich Zelter und als solcher natürlich der Kunst des konzentriertesten Ausdrucks zugetan. Doch anders als etwa sein Zeitgenosse Robert Schumann scheint er die Entwicklung des romantischen Lieds kaum vorangetrieben zu haben. Bis vor Kurzem kannte man 79 Sololieder und 18 Duette: «geschliffene...
Antonio Vivaldis lange verschollen geglaubte und erst vor zehn Jahren in fragmen- tarischer Form wieder aufgetauchte Oper «Motezuma» ist in einer oberitalienischen Koproduktion der Städte Ferrara, Piacenza und Modena szenisch realisiert und als Video aufgezeichnet worden. Alan Curtis, der das Werk bereits bei Deutsche Grammophon eingespielt hat, stützte sich hier...
Es war Gounods «Faust», mit der die Metropolitan Opera 1883 ihre Pforten öffnete. Ein Werk, das sich in New York sofort großer Beliebtheit erfreute. Spötter nannten die Met damals – zu einer Zeit, als Millionen Amerikaner noch Deutsch als Umgangssprache pflegten – scherzhaft das «Faustspielhaus». Bis in die 1950er-Jahre hinein sollte das Stück im Met-Repertoire...
