Klang und Körper
Kalt scheint der Mond, und eigentlich ist er nichts anderes als eine Projektionsfläche menschlicher Sehnsucht. Irgendwann wird darin das Gesicht einer sich schminkenden Salome sichtbar, und Salome ist es denn auch, die wenig später – spärlich bekleidet, in aufreizenden Stiefeletten – die schlichte Szene des Aachener Theaters betritt: eine Paris Hilton, die nicht weiß, was sie tut, das aber mit einer Insistenz, die sie am Ende den Kopf kostet.
Reinhild Hoffmann positioniert ihre Protagonistin auf dem rechten Teil der diagonal geteilten Bühne Dieter Hackers, und so wie sie Anne Lünenbürger präsentiert, entzieht sich das einer gängigen Rollenvorstellung. Da ist kein Klischee. Das Bewegungskonzept entwickelt sich vielmehr aus dem Körper dieser Salome, und der wirkt in jedem Augenblick authentisch als Ausdruck einer inneren Notwendigkeit: lustvoll und lasziv zugleich. Reinhild Hoffmann ist von Haus aus Choreografin. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie sich und damit die anderen gehen lässt. Selbst den «Tanz der sieben Schleier», wahrhaft eine große Nummer, hat die Opernregisseurin ganz zurückgenommen. «Geradezu ungelenk», wie Guido Fischer in der Frankfurter Rundschau schreibt, ...
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Wie wenig sich die Zeiten ändern! 1992, als die Scala-Saison ebenfalls mit «Don Carlo» eröffnet wurde, habe vier Tage «Weltuntergangsstimmung» geherrscht und eine «nationale Identitäskrise» gedroht, berichtete Gabor Halasz damals in «Opernwelt» (siehe OW 2/1993). Der Grund: Luciano Pavarotti war grausam ausgepfiffen worden, weil er das hohe «H» nicht einwandfrei...
Robyn Orlin, was für einen Grund kann es für eine Choreografin und Theatermacherin aus Südafrika geben, ausgerechnet an der Opéra Comique in Paris mit «Porgy and Bess» als Opernregisseurin zu debütieren?
Es war nicht mein erster Versuch. Zuvor habe ich «L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato» an der Opéra National de Paris inszeniert, und in seiner Abstraktion war...
Im 19. Jahrhundert musste man die Legende der Genoveva niemandem lang erklären. Die Geschichte jener Frau, die von einem zurückgewiesenen Verehrer fälschlich der Untreue bezichtigt und vom vermeintlich betrogenen Ehemann zum Tode verurteilt wird, gehörte zum literarischen Gemeingut des Biedermeier und der Romantik. Ludwig Tieck hatte den Stoff 1800 zu einem...
