Impotente Egomanen

Mussorgsky: Chowanschtschina Gent / Vlaanderen Opera

Opernwelt - Logo

Manche Bühnenwerke treffen den Geist unserer Zeit, ohne sich mit dem Zeitgeist gemein zu machen. So betrachtet, erscheint Modest Mussorgskys Geschichtspanorama «Chowanschtschina» als die Oper der Stunde. Schon vor über hundert Jahren nämlich zeigte dieses gewaltige Fragment politische Entwicklungen auf, die sich im Russland von heute nahtlos fortsetzen und die Welt aufs Neue in Atem halten. Vermutlich ist es kein Zufall, dass das Stück derzeit an drei grundverschiedenen Häusern im Westen gezeigt wird, in Wien (siehe Seite 46), in Stuttgart und an der Flämischen Oper.

David Aldens Inszenierung für das Doppelinstitut Antwerpen-Gent, die in Koproduktion mit der English National Opera entstand, streicht diesen Punkt exemplarisch heraus: Geschichte ist kein diffuses Wabern des Weltgeistes, sondern immer das Werk von «Machern», die dafür Verantwortung tragen. Parallelen zu den Umtrieben aktueller russischer Potentaten drängen sich folglich auf an diesem Abend.

Und was sind das für zerlumpte Gestalten, die Mussorgsky hier in kühner Zusammenschau versammelte: Egomanen allesamt, nur der eigenen Sache verpflichtet; das Schicksal ihres Landes ist ihnen herzlich egal, allen Lippenbekenntnissen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2015
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Christian Wildhagen

Weitere Beiträge
Mit vollem Risiko

Es ist eine seit Jahrzehnten, erst auf Langspielplatte, dann auf CD vertriebene Referenzaufnahme: «Tannhäuser» wurde 1962 bei den Bayreuther Festspielen unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch mit­geschnitten, Wolfgang Windgassen sang die Titelpartie, Anja Silja die Elisabeth, Grace Bumbry war die berühmte «Schwarze Venus», Eberhard Wächter der Wolfram. Die...

Editorial

Wer alles auf eine Karte setzt, handelt meist aus purer Verzweiflung. Dass die Sache mit dem Trumpf, der mit einem Stich alle Probleme löst, meist schiefgeht, ist keine grundstürzend neue Erkenntnis. Und doch scheint die Hoffnung auf den einen großen Befreiungsschlag unwiderstehlich. Sie gedeiht besonders gut, wenn einem die Schwierigkeiten über den Kopf zu wachsen...

Hexengrüße aus dem Ural

Hager, bleich, hoch aufgeschossen, mit langen Armen und langem, wirkungssicher hin und her wippendem Haar, von den Stiefeletten bis zum berüschten Hemd ganz in Schwarz, energiestrotzend und in jedem Moment entschlossen: So wie Teodor Currentzis nach seinem «Don Giovanni» im Schlussapplaus steht, könnte er selbst der Don sein oder zumindest aus einem alten...