Die Welt als Prosa und Bleiwüste

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Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum: Ich träumt’ in seinem Schatten so manchen süßen Traum. Bei Prosa spielt der Zeilenumbruch keine Rolle, bei poetisch gestalteter Sprache ist er entscheidend. Haben Sie die vier Verse mit dem Reim erkannt? Ja sicher, aber Sie kannten Wilhelm Müllers Dichtung, nicht wahr?

In CD-Booklets und Programmheften werden Libretti fast nie so ­abgedruckt, dass ihre Vers-Struktur erkennbar würde. Dabei geht es ­beileibe nicht nur um den Zeilenumbruch.

In der Geschichte der Oper hatte sich ein hoch differenziertes Layout ausgebildet, das es ermöglichte, mit einem Blick zu erfassen, wann auf ein Rezitativ eine Arie folgt, und wie deren Strophenstruktur beschaffen ist.

Seit es Tonaufnahmen gibt, ist solche Vielfalt in aller Regel einer Wüste aus Blei gewichen – ob großes LP- oder kleines CD-Format, spielt dabei keine Rolle (siehe auch Seite 25), eine Textbreite von 60 Millimetern ist das Maß aller Dinge. Bisweilen liest man sogar – in missverstandener «Treue» zu Wortwiederholungen im Notentext – Hanebüchenes wie «Schöner grüner, schöner grüner Jungfernkranz!».

Gewiss: Wir leben in einem prosaischen Zeitalter. Zwar sollte Adorno sein Diktum von 1949, ...

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Opernwelt August 2016
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Anselm Gerhard

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