Sinnenfällige Pracht
Im Handbuch «Komponieren für Stimme» zitiert Arne Stollberg in seinem Aufsatz «Exzesse des Schwelgens» einen Essay Paul Bekkers: «Klang und Eros». Er spricht darin von dem eigentümlichen Zauber, der von einer aus der Ferne erklingenden Frauenstimme ausgehe – vom musikalischen Eros, den kein Instrument zu imitieren vermöge. Diese Erfahrung machte ich (wenn die persönliche Bemerkung erlaubt ist), als ich Christa Ludwig 1962 in Wien zum ersten Mal hörte – als Octavian.
Wie sie war, daran erinnern nun zwei Editionen aus den Katalogen der Deutschen Grammophon und der von Warner übernommenen EMI. Auf insgesamt 23 CDs ist sie als Oratorien- und Konzertsängerin zu erleben: unter anderem in Bachs Matthäus-Passion und der Messe in h-Moll; in Verdis Requiem und Mahlers «Lied von der Erde» unter Otto Klemperer (mit Fritz Wunderlich als Partner); in Symphonien von Mahler und Leonard Bernstein («Jeremiah»); in Opern von Wagner, Verdi, Humperdinck, Strauss und Puccini; endlich als Sängerin auf vielen Feldern des Liedgesangs.
Auch wenn Ludwig ihre Stimme in den 1960er-Jahren, herausgefordert durch ihre «großen Drei» (Böhm, Karajan, Bernstein), die sie für dramatische Partien gewinnen wollten, ...
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Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Jürgen Kesting
Vielleicht war Dieter Schnebel unter den Komponisten der Nachkriegsavantgarde derjenige, der die Grenzen des Experimentellen am weitesten erforschen konnte. Das Reflektieren, Probieren auf den Feldern des musikalisch Neuen betrieb der Musikwissenschaftler, Theologe, Essayist und Hochschullehrer bis ins hohe Alter. Noch kurz vor seinem Tod am 20. Mai präsentierte...
Als Charlotte im «Werther» an der Wiener Staatsoper erinnerte Elīna Garanča vor einigen Jahren an Grace Kelly in «High Society». Und auch nun, in Camille Saint-Saëns’ «Samson et Dalila», mag man schon beim ersten Auftritt der lettischen Mezzosopranistin an die amerikanische Filmaktrice denken. Was die Garanča selbst vermutlich nicht überraschen würde – begegnet...
Der Vorhang fließt zur Seite, und was hören wir? Musik jedenfalls nicht. Nur ein hässliches, elektronisch verstärktes Schaben, verursacht von einem Greis, der im schwarzen Lederanzug an gedeckter Miniaturtafel sitzt und mit höchster Mühe seinen Stuhl zurechtrückt. Verwundern darf diese Quälerei nicht, schließlich ist Hieronymus Makropulos biblische 375 Jahre alt....
