Kleingemacht

Gounod: Faust
Heidelberg | Theater

Opernwelt - Logo

In Zeiten entrüstungsgesteuerter Moraldebatten sind auch Klassiker nicht mehr vor als politisch korrekt etikettierten Zurichtungen sicher. Der junge Regisseur Martin G. Berger hat sich in Heidelberg Charles Gounods «Faust» vorgenommen und die Titelfigur als übergriffigen Macho enttarnt, der sich im Stil solcher machtbesessenen Erotomanen wie Weinstein oder Wedel seine «Alt-Herren-Fantasie» erfülle.

«Richtiggehend gefährlich», so tönt Berger weiter, werde das populäre Stück aber durch die «affirmative», «eingängige» und «grandiose» Musik, die das Publikum mit ihrer «emotionalen Kraft» narkotisiere, schlussfolgernd also – Platon lässt grüßen – sozialschädlich wirke. Dagegen helfe nur eine «Kontextualisierung», die die idealisierende «Selbstverständlichkeit des Geschlechterbilds» aufdeckt. Im Einvernehmen mit dem Dirigenten Elias Grandy skelettiert Berger das Original, kürzt Nummern oder stellt sie um und schließt die so entstandenen Lücken mit Elfriede Jelineks «FaustIn and out» – einem Sekundärdrama zu Goethes «Urfaust», das die Situation Gretchens mit dem schauerlichen Verbrechen an Elisabeth Fritzl assoziiert, die von ihrem Vater, Peiniger und Vergewaltiger 24 Jahre lang in einem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Verschrottet

«Ich bin von Waberlohe umgeben», ruft Donald Duck in der deutschen Übersetzung eines seiner Comic-Abenteuer. Wieland Wagner soll ja auch mal daran gedacht haben, dem «Ring» eine Disney-Ästhetik zu verpassen, legitimiert wohl vom Großvater und dessen Satz «Kinder, macht Neues». Freilich war Letzterer eigentlich eine Aufforderung an Komponistenkollegen, lieber Neues...

Dienstleister und Feuerwehr

«Ein bisschen absurd» sei die Angelegenheit, sagt er. «Es ist sogar etwas geisteskrank.» Schuld, Sühne, das mag da mitschwingen, wahrscheinlich auch anderes: Stolz. Zwei Premieren innerhalb von drei Tagen, Donizettis «Maria Stuarda» am Münchner Gärtnerplatz (22. März), dann Puccinis «Tosca» bei den Salzburger Osterfestspielen (24. März), das muss Michael Sturminger...

Tatort Kinderzimmer

Schreckliches ist geschehen. Wir ahnen es, weil vorab Videoschnipsel eine Geburtstagsszene zeigen, in der die kleine Salome vom Onkel und Stiefvater Herodes ein rosa Tutu geschenkt bekommt. Immer wieder. Wir wissen es spätestens, als Julia Hansens Bühne sich ein einziges Mal dreht und ein missbrauchtes Mädchen einsam im dunklen Kinderzimmer liegt. Schrecklich, aber...