Vorbei, nicht vergessen
Regisseur Florian Lutz hat’s gern drastisch. Er hat’s auch gern eindeutig. In seiner Lübecker «Tannhäuser»-Inszenierung versammelte er die gesamte deutsche Politprominenz auf der Bühne, angefangen von Joachim Gauck als Landgraf Hermann und Angela Merkel als Elisabeth.
Jetzt, in Manfred Gurlitts arg bemüht aktualisierten «Soldaten», zieht Deutschlands Oberste Befehlshaberin Ursula von der Leyen alias Gräfin de la Roche, flankiert von einer Kinderschar, ihre PR-Show im Bundeswehrcamp Masar-i-Scharif vorm geschmückten Weihnachtsbaum ab, begrüßt Flüchtlinge, dekoriert Soldaten, und wir sind, dank Live-Cam, gleich doppelt dabei. Das ist theatralisch brillant durchexerziert wie fast alles in dieser Aufführung, in der per Video unentwegt Kriegsszenen über die hohen Wände von Sebastian Hannaks Drehbühne flimmern. Es stellt den engagiert agierenden Solisten und Statisten ein blendendes Zeugnis aus. Aber es hat mit der hier verhandelten Sache, der huldvoll herablassenden Zurechtweisung der ihren Stand vergessenden Bürgerstochter Marie durch die adelsstolze Gräfin, kaum etwas zu tun.
Diese Überpointierung ist bezeichnend für die Detailversessenheit einer Regie, die sich mehr mit dem ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Uwe Schweikert
Zwei Stämme menschenfressender Indianer als Gleichnis für die Mächtigen seiner Zeit: Johann Nestroy ging nicht gerade subtil zu Werke, als er 1862 den «Häuptling Abendwind» auf die Wiener Bühnenbretter brachte, eine «indianische Faschingsburleske» mit Musik von Jacques Offenbach. Dass aus dem kleinen Singspiel gut 150 Jahre später eine Punkoperette werden würde,...
Es ist eine alte Geschichte, doch für die Betroffenen bleibt sie stets neu: Ein Mann verlässt seine Frau und nimmt sich eine Jüngere. Aber die Frau rächt sich. Erst will sie die Kinder töten, dann mit dem Mann und dessen neuer Geliebter abrechnen. Schließlich bringt sie sich um. Vincenzo Bellini und sein Librettist Felice Romani haben aus dieser Boulevard-Tragödie...
Wie man aus einer wahren Begebenheit ein tragfähiges Musiktheaterstück formen kann, hat jüngst der britische Komponist Joby Talbot (*1971) mit seinem Opernerstling «Everest» gezeigt. Thematisch fühlt man sich erinnert an Christian Josts’ «Angst» (2005): Talbots siebzigminütiges Werk, kürzlich an der Dallas Opera zur Uraufführung gelangt (in Kombination mit dem...
