Projektionen
Muss das sein? Das ist der erste Gedanke, als sich der prächtige Vorhang des Prager Nationaltheaters hebt. Der Blick fällt auf eine riesige Projektion mit dem Konterfei Leos Janáceks, vor das, mit Fräcken angetan, die Sänger treten, um sich einer nach dem anderen vom Gefängniswärter in das Lager bzw. die Oper einweisen zu lassen.
Doch wozu dieses szenische Anführungszeichen? Sind Dostojewskis bedrückende Aufzeichnungen über seinen Aufenthalt in einem sibirischen Straflager und ihre Veroperung schon so historisch geworden, dass sie eines Rahmens bedürfen? Während dieser Gedanken weicht die Projektion und gibt den Blick auf die ganze Bühne frei: Sie zeigt das Straflager als einen mit Graffitti besprühten, verwahrlosten lost place, wo den neu ankommenden Häftlingen nun die Anstaltskleidung verpasst wird. In der Mitte des Raums liegt ein malerisch ramponierter Konzertflügel: Er ist die vielleicht etwas buchstäblich geratene szenische Übersetzung des verletzten Adlers, der von den Gefangenen gepflegt und vom Komponisten zum mächtigen Symbol für die Freiheit erhöht wird.
Weil Fräcke und Flügel zwar für die Musik selbst, aber auch für einen ritualisierten Konzertbetrieb stehen könnten, ...
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Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Carsten Niemann
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