Mit den Augen eines Kindes
Dieser Don Carlos ist schon ein seltsamer Kronprinz: Muskulös, im T-Shirt und mit schwarzer Fönfrisur, sieht er aus wie ein ragazzo di vita aus Filmen von Pier Paolo Pasolini. Und während er inmitten von Verdis Liebes- und Staatsaktion immer auf der Bühne weilt, scheint er doch fast unbeteiligt in seiner eigenen Welt zu leben. Es ist die Welt eines Todkranken, der auf sein Leben zurückblickt – aber auch die Welt eines Kindes, das sich nach Zuneigung und Zuwendung sehnt, die ihm von seinem stur auf die Macht und ihre starren Regeln fixierten Vater, König Philipp II.
, permanent verweigert werden. In diesem kühlen Herrscherkalkül will sich Carlos einfach nicht zurechtfinden. Stattdessen hat er sich in kindlichen, von Schmutz und Blut unbefleckten Bilderwelten eingerichtet.
Der belgische Bildhauer und Installationskünstler Hans Op de Beeck lässt im Antwerpener Opernhaus naive Landschaften mit Wäldchen, Burgen und Bogengängen (für das Kloster San Yuste) als Videos vorbeilaufen, Carlos verschiebt vergitterte Kinderzimmerbetten, selbst beim grausamen Autodafé im dritten Akt ist keine Verbrennung der Ketzer zu sehen, sondern ein Skulpturenpark mit überdimensionalem Spielzeug im ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Michael Struck-Schloen
Dass der geheimnisvolle Mönch des Beginns am Ende die Königin von Spanien mit einem Baseballschläger zerschmettert, ist neu – das muss man Jens-Daniel Herzog lassen. Von Macht will der Regisseur laut Ankündigung erzählen am Staatstheater Nürnberg, was fraglos sinnvoll ist bei Giuseppe Verdis «Don Carlos» (gespielt wird die letzte Bearbeitung der fünfaktigen...
Ach, das waren noch Zeiten in Salzburg. Damals, bei den Osterfestspielen. Herrlich unbeschwert. Jedenfalls solange Herbert von Karajan der König war. Von 1967 bis 1989 leitete er das Gourmet-Festival, als Maestro, Regisseur, Lichtgestalter und Programmdirektor. Mit einer Aufführung von Richard Wagners «Walküre» hatte er es am 19. März 1967 eröffnet, um freie Bahn...
Die Kunst ist krank. Seit sie das klassische Gleichgewicht aus apollinischem Formempfinden und dionysischer Maßlosigkeit zugunsten Letzterer eingebüßt hat, verzehrt sie sich – und mit ihr die Schöpfer, mitunter gar die singenden oder dirigierenden Nachschöpfer des Entgrenzten, des Unbedingten, des Rauschhaften. Richard Wagners sich im «Tristan»-Akkord...
