Wundersames Schattenspiel
Wes Geistes Kind «Atys» auch ist: In Kiel lässt die Zentralperspektive des Bühnenraums zumindest ahnen, warum gerade diese Tragédie lyrique von Jean-Baptiste Lully gern als opéra du roi bezeichnet wird. Alle Bodenlinien zielen letztlich auf König Ludwig XIV., der unsichtbar bleibt, sich hier einmal nicht als Sonnengott in Erinnerung bringt. Selbst Götter können Schuld auf sich laden, wenn sie von menschlichen Gefühlen übermannt werden – und nicht immer lässt sich ein Schicksal so leicht sublimieren wie das von Atys.
Ihn verwandelt die Göttin Cybèle am Ende in eine Pinie, um den Geliebten nicht völlig zu verlieren. Der hat sie zwar verschmäht und ihr die schöne Sangaride vorgezogen. Aber dass ihre Eifersucht Atys in den Tod treibt, wollte selbst sie nicht.
Lucinda Childs, die langjährige choreografische Mitarbeiterin von Robert Wilson, inszeniert die Oper, die 1987 zum 300. Todestag des Komponisten wiederentdeckt worden ist – und sie tut es, indem sie sich in das barocke Werk einlebt, ohne dabei ihre Zeitgenossenschaft zu verleugnen. Chor und Solisten kleidet Paris Mexis bereits im Prolog in ein gegenwärtiges Schwarz, allenfalls die angedeuteten Masken lassen noch etwas von den ...
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Opernwelt November 2014
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Hartmut Regitz
«Friedenstag» ist die am wenigsten gespielte und zweifellos heikelste Oper von Richard Strauss. Uraufgeführt 1938, wurde sie sofort von der NS-Propaganda vereinnahmt, was angesichts des Sujets problemlos gelang. Der Kadavergehorsam eines Kommandanten, der seine belagerte Stadt aus Treue zum Kaiser lieber in die Luft sprengt, als sie dem Feind zu überlassen, dann...
Krishna kriegt den meisten Applaus. Er singt Bass und hat als solcher nicht viel zu tun. Aber aussehen tut er fantastisch: ein schöner, goldener Gott mit vier Armen, Flöte und Fingern, die Symbole in die Luft malen. Gandhi singt Tenor, eine hohe, helle Stimme. Auch er kriegt viel Applaus. Mild und leise, wie er lächelt, kann es sich nur um einen Visionär handeln....
Sir Neville, Sie waren einer der wichtigsten Dirigenten der Sechziger- bis Achtzigerjahre – bis die Spezialisten der Alten Musik kamen und Ihnen das Repertoire entrissen. Haben Sie mit denen eine Rechnung offen?
Nein, ich war eher erfreut. Der Siegeszug der historischen Aufführungspraxis hatte zur Folge, dass wir uns fortbewegen konnten und nicht immer dasselbe...
