Die Kamera der Anderen
Worin besteht die Lasterlaufbahn des Tom Rakewell? Für Krzysztof Warlikowski, den polnischen Regisseur aus Frankreich, der Strawinskys «The Rake’s Progress» mit dem Ensemble der Berliner Staatsoper im Schiller Theater inszeniert, darin, dass der Jungmänner-Verführer Andy Warhol alias Nick Shadow dem Möchtegern-James-Dean Tom in der amerikanischen Provinz auflauert und ihn in die queere Szene von New York verschleppt. Vor dem silbernen Wohnwagen der üppig tremolierenden Mother Goose (Birgit Remmert im John-Waters-Outfit) kokst man sich die Rübe voll.
Der zugedröhnte Tom singt seine Arie in die Kamera und holt sich seine 15-Minuten-Ration Ruhm ab. Dann gibt er sich willenlos den Doktorspielchen mit Mom und Dad im psychedelischen Hippie-Vehikel hin.
Nächster Gag: Die Heirat mit der überdrehten Fummeltrine Türkenbabs. Nicolas Ziélinski schenkt ihr ein grelles, in der Tiefe resonanzarmes Counter-Stimmchen. Die Brotmaschine, mit der sich Tom zum Menschheitsbeglücker aufschwingen will, ist ein Küchen-Fleischwolf, in dem Andy/Nick das gute Herz eines schwarzen Jesulein zu Hackepeter performt. Rasta-Sellem verramscht die Ikonen der amerikanischen Konsumkultur von Bugs Bunny bis Neil ...
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Opernwelt Februar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Boris Kehrmann
Wie alle französischen Barockopern ist auch Lullys 1683 uraufgeführter «Phaëton» mit politischen Botschaften beladen, die heute nicht mehr greifen. Regisseur Christopher Alden hat sich überzeugend aus der Affäre gezogen, indem er die Allegorie um den Antihelden Phaëton kurzentschlossen zum postmodernen Lehrstück über die drohende Globalkatastrophe umfunktioniert....
Traumwelt: Welt der Verdrängung, des Subtextes, der Reise in Vorzeiten. Wie es sich anfühlt, diese Welt zu betreten, hat der Philosoph Christoph Türcke höchst anschaulich formuliert. Sich auf den Traum einlassen, schreibt er gleich zu Beginn seines faszinierend eigensinnigen Buches «Die Philosophie des Traums», «heißt in den Untergrund gehen: allen festen Halt...
Bayreuth ist bekanntlich die «Wagner-Stadt». Aber hätte es Markgräfin Wilhelmine nicht gegeben, wäre Richard Wagner niemals ins Fränkische gekommen. Schon lange vor der Gründung der Festspiele gab es hier ein Musiktheater, von dem heute noch das Markgräfliche Opernhaus kündet. Rund ein Jahrzehnt vor seiner Eröffnung schrieb die spätere Bauherrin ihre einzige Oper:...
