Sprachlos
Den Grenzbereich zwischen Wahn und Wirklichkeit habe er ausloten wollen, sagt Librettist und Regisseur Alexander Müller-Elmau. Da ist es fast schon schade, dass er zur Motivation der unter dieser Prämisse entwickelten Bühnenaktion ein konventionelles Narrativ bemüht, das, wenn auch fragmentarisch aufgebrochen, Missbrauchserfahrungen und kindliche Traumata thematisiert. Freilich wird das Thema auf der Bühne nicht vordergründig behandelt, hält sich auch der Autor fern von schnellfertigem Psychologisieren.
Es erklärt sich wahrlich nicht alles, was an diesem Abend in der Oldenburger Exerzierhalle geschieht. Anoia – so lautet der (programmatische) Name der Hauptfigur: «Ohne Denken», «ohne Verstand» – Name und Stücktitel klingen wie eine ironische Verkehrung jener ambitiösen «Metanoia», die Jens Joneleit für die Berliner Staatsoper komponierte und die 2010 uraufgeführt wurde.
Man sieht eine junge Frau in kahlem Raum, gefangen in einem Glaskasten, eingesperrt in ihre verschobene, «verrückte» Wahrnehmung, doch damit zugleich geschützt vor ihren Traumata. Die bedrängen sie in Gestalt der übrigen Personen von außen. Sie belagern diesen Kasten, diesen Schutzraum, aggressiv, erzwingen die ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Panorama, Seite 61
von Ingo Dorfmüller
Über den Inhalt des Buches, das die Dame mit der aufgetürmten Allongeperücke dem nackten jungen Mann zu lesen gibt, darf spekuliert werden. Noch kehrt der Jüngling ihr den Rücken zu, doch lässt das nächste Bild mit dem verrutschten Mieder der Dame allerlei vermuten. Bevor nun die Fantasie mit uns durchgeht, sei vermerkt, dass es sich um im Stile des barocken...
Alte Dirigenten interessieren sich selten für die «Zauberflöte». Hans Knappertsbusch sprach es offen aus: Jedes Mal wenn er in Fahrt komme, müsse er wieder aufhören – wegen der endlosen Dialoge. So denken viele. Dann doch lieber den «Don Giovanni» mit seinem symphonischen Furor. Weil die «Zauberflöte» ein Singspiel ist, lässt sich bei ihr nur schwer herstellen, was...
Seit 2003 wird das Wasserschloss Hallwyl im Kanton Aargau alle drei Jahre zur Kulisse einer Operninszenierung. Diesmal stehen für den «Barbiere di Siviglia» Bücher auf der Bühne, zwei, drei, vier Meter hoch: Brontës «Jane Eyre» und «The Professor», Austens «Sense and Sensibility», dazu als abgründiger Einschub die «Medea» des Euripides (Reclam-Ausgabe). Außerdem...
