Wer zündelt, ist selbst schuld
Dass Friedrich Nietzsche früh und folgenschwer vor «Carmen» in die Knie ging, hatte wenig mit Argumenten und viel mit persönlicher Befindlichkeit zu tun. Nietzsche brauchte «Carmen», um sich wirkungsvoll von Wagner abstoßen zu können. Wenn er sie nicht gefunden hätte, hätte er sie erfinden müssen. Deshalb ist an seinem «Carmen»-Bild viel Wahres, aber es hängt schief. «Keine Senta-Sentimentalität», jubelte Nietzsche und fand «Liebe als Fatum, als Fatalität, zynisch, unschuldig, grausam – und darin eben Natur!» Adorno hat das noch weiter exponiert.
Für ihn steckte in «Carmen» der «Sexus selber»: «vorweltlich und vorgeistig».
Damit war die Zigarettenarbeiterin aus einem fiktiven Sevilla eingemeindet in den Kreis musiktheatralischer Hochkultur: Carmen als leibhaftiges Pendant zu Don Giovanni. Mit diesem Aufstieg zur Freiheitsheldin ist unvermeidlich ein Abstieg verknüpft: Als bildungsbürgerlich hochstilisierte, archaische Figur wurde Carmen verfügbar. Jeder kann sich unter ihrem Mythos etwas anderes, vermeintlich Eigenes vorstellen. Jeder Mezzo fühlt sich passend, jeder Dirigent als Torero, jeder Regisseur kompetent. Jeder Theaterpförtner weiß, wie das Stück eigentlich geht. Jeder ...
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