Der Mensch, überflüssig

Surreale Dystopie: Alois Seidlmeier und Tilman Knabe entfesseln am Nationaltheater Mannheim ein fulminantes Spiel mit Prokofjews «Spieler»

Opernwelt - Logo

Schnell, geradezu unweigerlich fühlt man sich durch den «Spieler» in die Sphäre einer Theatralik des Absurden versetzt. Noch über den klinisch-pathologischen Befund einer alle Fibern der Existenz erfassenden Sucht hinaus wird die Universalisierung des «Spiels» in diesem von Sergej Prokofjew selbst in Librettoform gebrachten Dostojewski-Stoff zur Metapher für eine moderne, aller Versicherungen verlustig gegangene condition humaine.

Der von westlicher Bildung berührte russische Adlige wird zum Prototyp des «überflüssigen Menschen», der von der Revolution gebrandmarkt und abgeschafft wurde – um in welterschütternder Metamorphose millionenfach aufzuerstehen als ein in die ökonomische Rationalität des globalisierten Kapitalismus ungenügend einpassbarer Faktor («Humankapital»).

Es ging mithin nicht am Grundmotiv des Stücks vorbei, wenn in der Mannheimer Inszenierung von Tilman Knabe beim spektakulären Höhepunkt, der Rouletteszene im vierten Akt, so etwas wie eine simulierte Hausbesetzung mit roten Fahnen, an den Rängen befestigten Transparenten und massenhaft ins Parkett herunterrieselnden «kommunistischen» Handzetteln stattfand. Das heißt nicht, dass die Ereignisse auf der Bühne darüber ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Hans-Klaus Jungheinrich

Weitere Beiträge
Impressum

Impressum

57. Jahrgang, Nr 4
Opernwelt wird herausgegeben von
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin

ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752288

Redaktion Opernwelt
Nestorstraße 8-9, 10709 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
E-Mail: redaktion@opernwelt.de

Redaktionsschluss dieser Ausgabe
war der 09.03.2016

Redaktion
Wiebke Roloff
Albrecht Thiemann (V. i. S. d....

Kapitalsünden

Martin Shkreli – laut BBC der meistgehasste Mann der USA, stets mit einem schmierigen Lächeln im Bubengesicht – pries kürzlich vor Gericht den Turbokapitalismus: «In dem System, in dem wir leben, musst du alles in deiner Macht Stehende tun, um den Gewinn zu maximieren. Das ist Business. Da kannst du keine halben Sachen machen ...». Shkrelis Pharmafirma hatte den...

Klingt gut

Das Wort «Sanierung» hat mittlerweile den Beigeschmack der Katastrophe – dafür sorgen Beispiele wie die Kölner Oper oder die Berliner Lindenoper. Jetzt muss auch das Grand Théâtre de Génève hergerichtet werden. Intendant Tobias Richter hat im Laufe seiner Karriere bereits eine Baustelle nahezu unbeschadet überstanden. Als Chef der Deutschen Oper am Rhein löste er...