Aus der Zeit gefallen
Eine Schöne Magelone mit Philippe Jaroussky oder eine Dichterliebe mit Max Emanuel Cencic? Das möchte man sich lieber nicht vorstellen. Das Manieristische, Maskenhafte, Outrierte eines an der Barockoper geschulten Vokalstils, die penibel einstudierten, inszenierten Posen passen nicht zum Herzweltschmerz der Romantik. Den Affekthaushalt des gepuderten Rokoko-Theaters mag das exaltierte Spiel befeuern wie die kreischende Lust an der Extravaganz einen Tuntenball. Doch später, wenn Werther brennt und blaue Blumen blühen, fließen die Gefühle ohne verzierte Gesten über.
Seit Gluck und Haydn ist nun einmal das Unmittelbare, Unverstellte, die edle Einfalt der ins Offene drängenden Seele Inbegriff des Ausdrucks.
Das Aufbegehren gegen die Herrschaft des Artifiziellen gehört zum Wesen der postbarocken Arien- und Liedkunst. Wer das aus dem Auge verliert, verfehlt etwas Entscheidendes: die Aura einer von innen glühenden, natürlichen Sinnlichkeit. Der Countertenor Jochen Kowalski ist vor Jahren an der Schönen Müllerin gescheitert, weil er Schubert mit dem Segen Händels sang. Hurtig hüpfte er da über Stock und Stein, ein Springinsfeld, den kein Tränenbächlein betrübte. Das klang unverschämt ...
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Opernwelt Februar 2013
Rubrik: CD des Monats, Seite 23
von Albrecht Thiemann
Herr Selig, spielen Sie eigentlich noch Orgel?
Ab und an. Aber nicht mehr in der Kirche. Seit ein paar Jahren habe ich zu Hause eine digitale drei-manualige Kirchenorgel. Leider finde ich selten genug Zeit zu spielen.
Was haben Sie von der Orgel fürs Singen mitgenommen?
Direkt vom Instrument wenig.
Vom Kirchenmusiker zum Sänger ist der Weg aber so weit nicht…
Gesungen...
Einspielungen von Franz Schuberts Winterreise scheinen in den letzten Jahren zu sprießen wie Pilze nach einem Gewitterregen. In einer immer unsicherer werdenden und soziale Kälte verbreitenden Welt trifft dieser Zyklus den Nerv vieler. Doch darf man als Interpret mit dem Winterreisenden mitleiden? Matthias Goerne verwies in einem Interview auf die «Angst vor der...
Er sei in der «vokalen Wellness-Diät des Liedgesangs» aufgewachsen und wolle diesem Genre, so gut es ginge, auch treu bleiben, um die Stimme frisch zu erhalten. Dies meinte James Rutherford, Bayreuths Hans Sachs bis 2011, vor zwei Jahren im Interview mit dem Schreiber dieser Zeilen. Von 2000 bis 2002 war Rutherford «New Generation Artist» der BBC und als solcher...
