Lauter Übergänge
Am Ende bricht Boris im Parlament zusammen. Nikolai Putilin, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Boris Jelzin aufweist, hatte an diesem Abend nach schwachem Beginn dem Zaren doch noch klares Profil geben können. Besonders in der Wahnsinnsszene des letzten Bildes, als Godunow von Schujskij – strahlkräftig, aber zu unkontrolliert: Yevgeny Akimov – abermals mit der dunklen Vergangenheit konfrontiert wird. Da mobilisiert Putilin alle Facetten seines farbsatten Bassbaritons – und dieser Boris ist uns plötzlich ganz nahe.
Sein Schmerz über den Mord am Zarewitsch Dimitri, den er selbst angeordnet hatte, frisst sich nach innen. Auch Valery Gergiev verzichtet mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg auf Effekte, demonstrativ geschärfte Kontraste, hebt vielmehr den dunkel getönten Streicherklang hervor – und evoziert so die aufziehende Nacht um eine zerrissene Persönlichkeit. Als Boris tot ist, legt das Volk so viele Blumen-kränze auf dem Körper nieder, dass er nicht mehr zu sehen ist. Ob Fjodor, der schmächtige Sohn (mit heller Knabenstimme: Ivan Khudyakov), der völlig verstört am Rednerpult steht, dieses Russland weiterregieren wird, weiß niemand zu sagen.
Gergiev hat für die ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Georg Rudiger
Katharina: die Provinz
Auf gut Fränkisch klingt das Wort wie eine Drohung: Brrroowinz. Der letzte Patriarch von Bayreuth hatte sich darin indes sehr wohl gefühlt. Denn Wolfgang Wagner, Alleingesellschafter der Bayreuther Festspiele, wusste, wie auch schon sein Großvater Richard, um die Vorzüge der Abgeschiedenheit von den Zentren. In der Provinz Erster zu sein,...
Alte Dirigenten interessieren sich selten für die «Zauberflöte». Hans Knappertsbusch sprach es offen aus: Jedes Mal wenn er in Fahrt komme, müsse er wieder aufhören – wegen der endlosen Dialoge. So denken viele. Dann doch lieber den «Don Giovanni» mit seinem symphonischen Furor. Weil die «Zauberflöte» ein Singspiel ist, lässt sich bei ihr nur schwer herstellen, was...
Den Grenzbereich zwischen Wahn und Wirklichkeit habe er ausloten wollen, sagt Librettist und Regisseur Alexander Müller-Elmau. Da ist es fast schon schade, dass er zur Motivation der unter dieser Prämisse entwickelten Bühnenaktion ein konventionelles Narrativ bemüht, das, wenn auch fragmentarisch aufgebrochen, Missbrauchserfahrungen und kindliche Traumata...
