Hindemith: Das Marienleben. Rachel Harnisch (Sopran), Jan Philip Schulze (Klavier). Naxos 8 573423 (CD); AD: 2014
Unveräußerliches Erbe
«Das war nicht leicht zu machen», notierte Paul Hindemith in seinem Werkverzeichnis über die Arbeit an der Erstfassung von «Das Marienleben» auf Gedichte von Rainer Maria Rilke (1922/23). Zugleich war er stolz auf «das Beste», was er je gemacht hatte.
Der gleichen Ansicht war Glenn Gould, der vom «größten je komponierten Liederzyklus» sprach, den der Komponist allerdings in den folgenden Jahrzehnten immer wieder bearbeitete, um den Zuhörer, wie er schrieb, aus der «etwas beschämenden Rolle des bloßen Musikkonsumenten» herausholen und in die des «Mitfühlenden, des Verstehenden zu erheben». Damit verbarg (oder exkulpierte?) er den Wandel seines Blicks auf Rilkes Dichtung, die ihrerseits von den Mariendarstellungen Tizians, Tintorettos, El Grecos, Poussains und anderen angeregt war. Dem streng katholisch erzogenen Rilke bedeutete Maria, wie es in der Rilke-Literatur heißt, ein «unveräußerliches Erbe»: eine irdische Frau, die Schmerzen und Freuden erfährt.
Hingegen verstand der junge Hindemith den Zyklus wohl als «eine der sublimsten Parodien Rilkes auf Figuren der christlichen Heilsgeschichte», deren Anspielungen und Zweideutigkeiten er provokationsfreudig auskostete. All diese ...
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Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: CD des Monats, Seite 27
von Jürgen Kesting
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Selbst unter Gesangskennern scheint Irma Kolassi (1918-2012) ein unbeschriebenes Blatt zu sein. In Jürgen Kestings vierbändigem Standardwerk «Die großen Sänger» jedenfalls wird die französische Mezzosopranistin griechischer Herkunft nicht einmal erwähnt. Mit dieser Unterschätzung räumen die vier CDs ihrer Decca-Aufnahmen aus den Jahren 1952 bis 1955 auf, die der...
Schrekers Süffigkeit macht süchtig. Jedenfalls dann, wenn die fiebrig-nervöse Gespanntheit dieser Musik in all ihrer schwülen Salome-Sinnlichkeit so passionsprall ausmusiziert wird wie im Theater Lübeck. Dort knüpft Andreas Wolf als kommissarischer Generalmusikdirektor an die Zeiten an, als Roman Brogli-Sacher das Zepter schwang und dem Opernhaus – nicht zuletzt...
