Die Macht der Leere
Eine klare Sache, dieser «Boccanegra». Durch konsequente Weglassung historischer Staffage gelingt es Benedikt Borrmann, Verdis lange vernachlässigter Oper zu einem nachvollziehbaren Bühnenleben zu verhelfen. Hafentrubel, Korsarenromantik, Renaissanceopulenz hätten bei dem Versuch, den Konstellationen zwischen den unglücklichen Personen auf den Grund zu gehen, nur gestört. Nein, Glück gibt es in diesem Einheitsbühnenbild von japanischer Schlichtheit wirklich nicht. Eine gerundete, rechtwinklig strukturierte Milchglaswand schließt die Einheitsbühne nach hinten ab.
Sie ist Barriere für die Blicke, die sich nicht vom Geschehen vorne ablenken lassen sollen. Zweimal bekommt sie eine eigene «Rolle», als der Schatten Fiescos, der geheimen Macht im Hintergrund, zu sehen ist und als das Blut des hingerichteten Verräters Paolo das trübe Glas befleckt und die Versöhnungsszene zwischen Simone und Fiesco am Ende belastet.
Die Macht ist das zentrale Thema des Abends, die Macht, die der Doge über seine Bürger hat, die Macht, die seine Feinde über seine Tochter ausüben, die Macht, die jede menschliche Beziehung verhindert. Gebeugt von dieser Last sind die Personen keines zügigen Schrittes mehr in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Wotans kühne Kinder» lautete der Titel einer Veranstaltung der Bayerischen Staatsoper im Cuvilliéstheater, die ich Ende Juli 2000 moderieren durfte. Die kühnen Kinder waren Martha Mödl, Astrid Varnay und Ingrid Bjoner. An dieses Zusammentreffen musste ich in den vergangenen Monaten oft denken, als ich die Archive der Düsseldorfer Oper und des Theatermuseums nach...
Die Akzeptanz des Unwahrscheinlichen, des Märchenhaften war stets ein bezeichnendes Merkmal der Oper. Nicht nur, weil der Aficionado es unter anderem goutiert, dass ein gestandener Embonpoint als Jung-Siegfried oder eine Matrone als zartes Mädchen Pamina sich geriert. Sondern weil insgesamt Märchen, Sagen, Legenden das Arsenal des Genres bilden, wie es sich auch in...
Das Werk hat es, ohne Wenn und Aber, verdient, aufgeführt zu werden, nach doch recht langer Zeit der ungerechten Behandlung. 1920 unter dem Titel «Die Vögel» (nach der gleichnamigen Komödie des Aristophanes) in der Musikwelt erschienen, wurde Walter Braunfels‘ spätromantische Allegorie auf die Möglichkeiten einer besseren, humaneren Welt nach nur wenigen...
