Editorial Februar 2020
Gender bending, gender crossing – es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis die Duden-Redaktion diese Begriffe dem deutschen Wortschatz zuschlägt. Längst sind sie dem akademischen Milieu ent- und in der Alltagssprache angekommen. So wie das inszenierte Spiel mit verkehrten oder gemischten Geschlechterrollen, die Lust auf androgyne Entgrenzung seit geraumer Zeit im popkulturellen Mainstream zu beobachten ist. Darauf deutet nicht nur ein Phänomen wie der österreichische Travestiekünstler Thomas Neuwirth, der beim 59.
Eurovision Song Contest 2014 in Gestalt einer Kunstfigur namens Conchita Wurst Millionen TV-Zuschauer quer durch Europa verzückte. Dass auf dem Klassikmarkt heute so viele männliche Hochtöner einträglich unterwegs sind wie nie zuvor, ist kein Zufall. Was Mitte des 20. Jahrhunderts von dem durch die englische Chortradition geprägten Alfred Deller angestoßen wurde und auf sieben jüngst wiederveröffentlichten CDs mit Musik von Henry Purcell exemplarisch dokumentiert ist («The Voice of Purcell», harmonia mundi), hat sich zu einer vielstimmigen, rasant expandierenden Marke entwickelt: der Countergesang.
Beinahe im Monatstakt erscheinen inzwischen Alben der neuen ...
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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Albrecht Thiemann
Die drittletzte der insgesamt rund 70 Opern Gaetano Donizettis, von den Häusern um des Kassenstands willen oft gespielt und vom Publikum mit Blick auf einen launigen Opernabend heiß geliebt – «Don Pasquale» ist doch fürwahr ein einfältiges Stück. Ein Schwank mit simpler Musik, eine Operette, aber nicht so gut wie «Die Fledermaus». Doch Vorsicht, die Behauptung ist...
Ist zu Beethoven nicht schon alles gesagt, erforscht worden? Keineswegs. In Bonn begab man sich zu seinem 250. Geburtsjahr auf eine Entdeckungsreise, die zwar keine revolutionär neuen Erkenntnisse, aber viele bislang unbekannte Facetten und Details aus dessen Leben und Werk zutage förderte. Ein Großteil des dokumentarischen Materials fand sich vor Ort in...
Kaum ein anderes großes Land war kulturell so zerklüftet, dezentralisiert wie Deutschland, die «verspätete Nation» (Helmuth Plessner). Es gab keine dominierende Hauptstadt wie die «Wasserköpfe» Paris und London. Hinzu kamen die Kleinstaaterei und die selbstbewussten freien Reichsstädte. Zudem spaltete die Reformation das Land in Katholiken und Protestanten....
