Stehkarussell steril
Die Entstehungsgeschichte des «Prophète» zieht sich lang durch die 1840er-Jahre. Für die extremen Anforderungen an seine Hauptpartien musste Meyerbeer auf die Verfügbarkeit vor allem der epochalen Mezzosopranistin Pauline Viardot warten, die Fidès, der Mutter des falschen Propheten, unfassbar profunde Töne zu geben vermochte. Dann kam noch die 48er Revolution dazwischen, die der Komponist in Paris hautnah erlebte. Er mischte sich sogar unter das aufständische Volk, das die Tuilerien stürmte, durch die Luxusräume der bis dahin Herrschenden zerstörend «hin- und herwogte».
Eine Erfahrung, die sich in der 1849 uraufgeführten Oper über Aufstieg und Fall des Wiedertäufer-Propheten Jean von Leyden niederschlug. Messerscharf analysierten Scribe und Meyerbeer das Politische und Private als Manipulationsvorgänge mit katastrophalen Folgen. Am Ende keine Rettung für niemanden; die Verführer und Verführten werden allesamt in die Luft gesprengt. Eine tabula rasa-Lösung, finsterer als Wagners «Götterdämmerung», die ja immerhin musikalisch verklärt ausgeht.
Wer «Le Prophète» heute spielt, muss also erstens auf die Frage nach der aktuellen Brisanz des Stoffs, zweitens auf die der Besetzung der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Holger Noltze
Virginia Zeani (* 1925), deren Karriere über drei Jahrzehnte währte, gehörte zu den großen Primadonnen der Callas-Ära, blieb bei uns aber lange Zeit unbekannt. Im ersten Jahrzehnt ihrer Karriere war sie auf die Belcanto-Rollen Donizettis, Bellinis und Rossinis spezialisiert, daneben als Gilda und insbesondere Traviata erfolgreich. In den 60er-Jahren entwickelte sie...
Auch wenn der Sitznachbar zur Linken die Frage, ob er denn Englisch spreche oder gar Deutsch, mit sanftem Nachdruck zurückweist («Český!!»), auch wenn wir in der Aufführung einer die nationale Folklore feiernden Smetana-Oper sitzen, ist dieser Abend keine subversive Manifestation eines kulturellen Tschexit. Selbst wenn Jiři Nekvasil, seit 2010 Intendant des Národní...
Ein zweites Mal ausgebootet. Zunächst von Ulisse, dann von dessen Sohn Telemaco – nicht verwunderlich, dass die Oper mit einer Rache-Arie der göttlichen Calipso endet. Wobei: Es ist eher ein Wüten von der Stange, weniger aus originellem Musikerfindergeist geboren, mit dem Johann «Giovanni» Simon Mayr die Zuhörer entlässt. Zum Zeitpunkt seines «Telemaco», am 11....
