Frisch wie am ersten Tag
Was eine Hypothese ist, hat wohl selten einer so schlüssig definiert wie Heinz Meier als Hoppenstedt in einem Sketch Loriots. «Hier wäre die Mitte gewesen ... wäre!», giftet er, nachdem ihm sein Duz-Feind Pröhl zwei Drittel des Kosakenzipfels weggegessen hat. Das hypothetische «Was wäre, wenn» ist ja auch das Um und Auf der Kunst – ja, es scheint, pauschal gesprochen, diese vom Kunsthandwerk zu unterscheiden. Während der pragmatische Artisan sich mit dem Ist-Zustand beschäftigt und diesen in der Regel zu beschönigen versucht, zielt Kunst oft aufs Unmögliche, Paradoxe, Hybride.
Etwa auf die Frage nach dem Sinn einer Existenz ohne Verfallsdatum, aufgerollt am Schicksal der E. M. (Emilia Marty alias Eugenia Montez alias Ekaterina Myshkina alias Elian McGregor alias Elsa Müller recte Elena Makropulos), die es schaffte, sich die eiserne Tür des Gewesenen 337 Jahre lang offen zu halten. Es ist der alte Menschheitstraum vom ewigen Leben, zu Beginn vielleicht spritzig wie Champagner, zuletzt schal wie abgestandenes Bier. Die Protagonistin ist ein weiblicher Ahasverus, schön, zynisch, monströs. In seiner Inszenierung von «Die Sache Makropulos» in Bratislava stellt Peter Konwitschny diese ...
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Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Gerhard Persché
Riesige Geschenkschachteln in Rosarot und Himmelblau stehen überall herum. Sie bilden das szenische Fundament der Chemnitzer Neuproduktion von Alexander von Zemlinskys Einakter «Der Zwerg». In diese nicht nur räumlich, sondern auch ideell begrenzte, scheinbar makellose Welt passt einer wie er einfach nicht hinein: Kleinwüchsig und missgestaltet ist dieser Zwerg,...
Tomaso Albinoni? Kennt man natürlich. Eine Nummer des «dilettante Veneto» gehört in jede ordentliche Barock-Compilation (und sei’s das berühmte Adagio in g-Moll, das Albinoni-Biograf Remo Giazotto in den 1950er-Jahren nachkomponierte), an Aufnahmen seiner concerti a cinque herrscht kein Mangel.
Aber die Vokalmusik? Da dünnt die Diskografie dramatisch aus. Ein paar...
Der Mensch neigt bekanntlich dazu, das Glas als halbleer zu betrachten. Er sehnt sich nach dem, was er nicht hat, nicht haben kann und vielleicht auch niemals haben wird. Opernfreunden geht es da nicht anders. Sie trauern um die vielen verlorenen Werke aus der frühen Zeit des Musiktheaters, ganz besonders um die aus der Feder Claudio Monteverdis. Dabei weiß gerade...
