Ein Abschied, ein Abgesang
Das schrägste, schmierigste, schaurig-schönste Faktotum dieser «Erzählungen» ist der schlaksige Weißkittel, Doktor Spalanzani. Irgendwo treibt er sich immer herum auf der Bühne des Teatro Real. Manchmal schiebt er eine abgedeckte Leiche quer durch die ranzige Halle, in deren Mitte Aktmodelle für ergraute Eleven posieren, die mit dem Kohlestift die Zeit totschlagen. Dann hat er ein paar Gliedmaßen unter den Arm geklemmt, schlurft neckisch grinsend auf eine Tür zu, hinter der sich offenbar seine anatomische Wunderkammer verbirgt.
Gleich zu Beginn führt der Doktor eine krude, abgedrehte «Hoffmann»-Entourage durch Anna Viebrocks tristen Kunstraum, lahmendes Touristenpack, das nichts mehr aus der Bahn des Immergleichen werfen kann. Spalanzani ist der Zeremonienmeister in Christoph Marthalers routiniert-rätselhaftem Offenbach-Absurdistan, ein clownesker Feinmechaniker des Vergeblichen, der nicht nur die Puppe Olympia zum Singen bringt, sondern die ganze Chose – via Fernbedienung – in Gang hält.
Graham Valentine erledigt diese Aufgabe famos: ein diabolisch auflachender Connaisseur, der mit hämischer (Schaden-)Freude und knarrender, whiskeyrauer Stimme Rezitative und Couplets durchpflügt. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Albrecht Thiemann
Bleich sieht er aus, wenn er so in die Leere starrt. Leise tönt seine Stimme. Mehr singt es aus ihm, als dass er die Initiative ergreifen würde. A-Dur ist plötzlich eine fahle, weiße Tonart und «Là ci darem la mano» alles andere als eine Verführungsnummer. Don Giovanni holt seine Gedanken aus weiter Ferne. Mit der kleinen, drallen Zerlina jedenfalls, deren Augen...
Müssen wir uns den Hagener Intendanten Norbert Hilchenbach als glücklichen Menschen vorstellen? So wie Albert Camus den mythischen Sisyphos und dessen hoffnungslose Mühsal in seinem berühmten Essay als Glück beschrieb? Schon bevor Hilchenbach 2007 sein Amt antrat, hatte das Haus mit Existenznöten zu kämpfen. Seither hat sich die Lage weiter verschärft, doch der...
Die Grenzen dessen, was Singen sein kann, zieht der landläufige Opernbetrieb eher eng. Wer abseits der europäischen Hochkultur erfahren will, was außerhalb Europas oder außerhalb der Kunst als schöner oder ausdrucksvoller Gesang gilt, konnte in den vergangenen Jahren bei den Internationalen Festspielen in Bergen mitreißende Erfahrungen machen. An der norwegischen...
