Wir arme Leut!
Schon in der ersten Szene fällt das Stichwort, das wie ein Leitmotiv immer wiederkehren soll: «Wir arme Leut!» Auch für Paul-Georg Dittrichs neue «Wozzeck»-Inszenierung (in Bremen die erste nach 45 Jahren) ist die Unvereinbarkeit von existenzieller Armut und Tugend das Thema, das es auf zeitlose Gültigkeit hin zu überprüfen gilt. Deshalb legt sich die Bühnenausstattung historisch nicht fest: Pia Dederichs und Lena Schmid haben auf einer drehbaren Rundplattform ein Stahlrohrgerüst mit mehreren Etagen konstruiert.
Es bietet eine ganze Anzahl von Spielorten, die nicht durch Wände abgeschirmt, sondern von allen Seiten einsehbar sind. Eine Art Versuchsanordnung, innerhalb derer das Geschehen auf seine Essenz reduziert wird. Auch ein Panoptikum: Am Anfang sind die Figuren, zum Teil in grotesken Kostümen, aufgereiht wie auf einem Jahrmarktskarussel. Dann spielt sich – geschieht das alles nur in Wozzecks Kopf? – ein regelrechtes Welttheater im Kampf um Geld und Liebe ab: jeder gegen jeden. Am Ende stehen alle wieder da wie zu Beginn; das Karussell dreht sich, als sei nichts geschehen. «Wir arme Leut!»: Der Satz ist aktuell wie eh und je.
Eine bittere, ja depressive Inszenierung, die sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2016
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Gerhart Asche
Vorwärts
Die Zukunft des Musiktheaters will das frisch gegründete «Opera Forward Festival» (OFF) der Nationale Opera Amsterdam erkunden. U. a. steht die Uraufführung von Michel van der Aas «Blank Out» auf dem Programm. Und Peter Sellars kombiniert zwei neue Kurzopern von Kaija Saariaho.
Pour l’humanité
... lautet das Motto des Opernfestivals in Lyon. Daniele...
Nicht alles, was auf den ersten Blick glänzt, ist von bleibendem Wert. Und nicht alles, was zunächst trübe wirkt, bleibt dauerhaft im Schatten. Als die Deutsche Oper Berlin 2012 «Jenufa» herausbrachte, überwogen gemischte Gefühle (siehe OW 4/2012). Dirk Beckers aseptisch leerer Weißraum, in dem Christof Loy die Tragödie ganz aus dem inneren Drama der Küsterin...
Henry Purcells «Indian Queen» ist ein Fragment. Nicht, weil der Komponist diese Form kultivieren wollte, sondern weil er, ein Frühvollendeter wie Mozart, vor der Zeit starb. Auf jeden Fall trägt, was von diesem Stück erhalten blieb, keinen ganzen Abend, allenfalls fünfzig Minuten Musik sind überliefert. Also stutzten wir, als wir die Hülle dieses Mitschnitts aus...
