Eros und Gewalt
m Schluss der neunzigminütigen Aufführung stolperte Hans Neuenfels wie ein großes Kind auf die Bühne des Basler Theaters: als wollte und könnte er die Begeisterung des Publikums nicht recht begreifen. Das Ritual, das sonst allerorten die Premieren beherrscht – Beifall für die Solisten und den Dirigenten, Buhs für das Regieteam – war an diesem Abend außer Kraft gesetzt. So konzentriert auf den inneren Ton der Musik hörend, so bedingungslos der atemlos abrollenden Dramaturgie eines Stücks dienend hat man Neuenfels lange nicht mehr erlebt.
Da war alles weggewischt, was viele seiner Arbeiten fürs Musiktheater in den letzten Jahren oft beschädigte und Kritiker wie Publikum ratlos machte: die überstürzte Bilderflut, die verrätselte Privatmythologie, die spiegelnde Verdoppelung der Figuren, nicht zuletzt die zusätzliche Schauspielertruppe, die neben und am Stück vorbei eine andere Geschichte erzählt. Der antike Amazonen-Stoff, seine romantische Radikalisierung durch Heinrich von Kleist und deren musikalische Brechung durch Othmar Schoeck scheint für Neuenfels eine solche Herausforderung gewesen zu sein, dass er sich bedingungslos auf das Werk einließ.
Schoecks 1927 uraufgeführte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Monteverdi, Cavalli, Vivaldi, Galuppi, Goldoni – sie alle haben in der Serenissima gelebt und ihre Meisterwerke geschaffen. Kaum eine Stadt kann sich einer solchen Vielzahl von großen Namen der Musik- und Theaterwelt des Barock rühmen wie Venedig. Das Teatro «La Fenice» ist sich dieses außergewöhnlichen Erbes bewusst: In der letzten Saison gab es zum...
Unter den vielen Barockopern, die seit etwa dreißig Jahren auch klingend wieder entdeckt werden (Wissenschaftlern und Archivaren waren sie seit je bekannt), gehört Antonio Mazzonis «Il re pastore» zu den wirklich hörenswerten. Juan Bautista Otero hat sie mit der lebendig, pikant und blitzsauber musizierenden Real Compañía Ópera de Cámara 2006 unter dem Titel...
Der russische Komponist Wladimir Deschewow – er lebte von 1889 bis 1955 – ist hierzulande nicht einmal dem Namen nach bekannt. Deschewow gehörte der «Assoziation für zeitgenössische Musik» an, der sich in den 1920er Jahren in Petrograd, dem späteren Leningrad und heutigen St. Petersburg, gebildet hatte. Dort rezipierte man die westliche Avantgarde, vor allem den...
