Norma am Bosporus
Als Istanbul 2010 gemeinsam mit dem Ruhrgebiet und der ungarischen Stadt Pecs Kulturhauptstadt Europas wurde, erfüllten sich nicht alle Erwartungen. Man munkelte von Korruption, versickernden Fördergeldern. Aber in der 15-Millionen-Stadt vibrierte eine weltoffene Aufbruchsstimmung. Es fiel leicht, hier an die Anschlussfähigkeit der Türkei an die Europäische Union zu glauben.
Heute ist die Atmosphäre im Vergnügungsviertel Beyoglu verhangen. Der Tourismus schwächelt, die Hotels sind leer, gepanzerte Polizeibusse patrouillieren.
An der Istiklâl Caddesi («Unabhängigkeitsstraße»), dem Herzen des Stadtteils, redet Ahmet Erenli im stylisch verglasten Obergeschoss des Borusan-Hauptquartiers über seine Liebe zu Richard Strauss und zur italienischen Oper. Erenli ist der Manager der kulturellen Aktivitäten, die sich der Mischkonzern leistet – das 1999 gegründete, seit 2008 von dem österreichischen Dirigenten Sascha Goetzel geleitete Borusan Philharmonic Orchestra gehört dazu. Die öffentlich finanzierten Klangkörper hat das Ensemble qualitativ inzwischen überholt. Im Abo werden monatlich Symphoniekonzerte mit internationalen Solisten angeboten. Einmal pro Jahr gibt es auch große Oper, im ...
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Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Regine Müller
Sehnsuchtsvoll, todesverliebt, ozeanisch ist Wagners «Tristan»-Musik. Auch kosmisch: Ein Gefühl von «Unendlichkeit» verströme sie, meint Pierre Audi, dessen erste «Tristan»-Erfahrung ins Jahr der Mondlandung 1969 fiel. Da war er zwölf. Seither ist für ihn Wagners Schritt ins chromatische Universum vom «großen Schritt für die Menschheit» nicht zu trennen.
Jetzt hat...
Ganz anders hatten sich die Salzburger das vorgestellt, zum Beispiel mit einem Prolog. Die gealterte Maria, gestählt durch die Bandenkriege Manhattans, hätte da von ihrem Schicksal erzählen dürfen, von ihrer einzigen großen Liebe, von Tony. Und dann wäre sie ins Stück eingetaucht, hätte alles noch einmal durchlitten, was damals zwischen den Sharks und den Jets...
Ein Nein, ein Ja – welch ein Wechselbad für die Aficionados. Die Norma, ursprünglich im Herbst an Londons Royal Opera House geplant, liege inzwischen außerhalb ihrer Möglichkeiten, gab Anna Netrebko unlängst bekannt. Um gleichzeitig in sechswöchiger Vorbereitungszeit den für sie (fast) unbekannten Wagner-Kontinent zu erkunden. Im weißen Kleid der Jungfrau von...
